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Peter’s Cutting – La Maison Guerlain Champs-Élysées

L'Astre
Guerlain Avenue des Champs-Élysées

Guerlain ist nicht nur das Synonym für die gesamte französische Parfümeurkunst, sondern auch wie eine Klammer, die die Geschichte der Stadt Paris und des dekorativen Handwerks in sich vereinigt. Das wird einem spätestens dann klar, wenn man die vor einem halben Jahr neu-eröffnete Maisen Guerlain, an einer der klangvollsten Straßen der Welt, der Avenue des Champs-Élysées, besucht.
‚Champs-Élysées‘ bedeutet so etwas wie ‚elysische Felder‘ und wie in einem Paradies fühlt man sich auch in der Maison Guerlain. Der Hauptsitz der Parfüm-Dynastie der Familie Guerlain war zu seiner Zeit ein absolutes Novum. Als man Anfang des 20. Jahrhunderts an die Avenue des Champs-Élysées zog, war es sozusagen Neuland und kaum Geschäfte angesiedelt. Die Pariser hatten dort noch im 19. Jahrhundert ihre „Landhäuser“ und die Breite Avenue des Champs-Élysées wurde für Ausfahrten mit der Kutsche oder dem Pferd genutzt. Frauen durften dort in der Kalesche ganz ohne männliche Begleitung fahren – eine absolute Neuheit …
Hall of Mirrors
„Hall of Mirrors“; Guerlain Avenue des Champs-Élysées

Aber schon mal hatten die Guerlains Pionierarbeit geleistet und der Mut und Instinkt, für andere Neues und Unmögliches zu tun, war ihnen scheinbar in die Gene gelegt. Als sich 1842 das Haus an der Rue de la Paix 15, damals übrigens eine schlecht gepflasterte Straße, ansiedelte, wurde Pierre-François Pascal Guerlain nicht nur von seinen Freunden ausgelacht, auch hätte niemand auch nur einen Sous für seinen Erfolg gegeben. Aber nachdem er 1826 seine Firma begründete, importierte er unter anderem das berühmte Kölner Eau de Cologne von „Farina“ und die damals so in Mode gekommenen „Cold Cremes“ aus England. Sein kleiner Laden in der Rue de Rivoli mit Namen „Lando“ wurde bald zum Stadtgespräch und entwickelte sich, wie man damals sagte, „vortrefflich“.

Pierre-François wollte aber mehr und hatte viele eigene Ideen und selbst ersonnene Produkte. Sein Ziel war ein eigenes Geschäft, über dem sein Name am Eingang steht.
1830 erschuf er „Baume de la Ferté“, das heute als Lippenbalsam bei Guerlain verkauft wird und das auch noch einen festen Platz in meinem Badezimmer hat. Die ursprüngliche Bestimmung von „Baume de la Ferté“ mutet heute fast wie aus einem Märchen zitiert an, denn es sollte die Brüste der Ammen, die die Kinder der Gesellschaftsdamen nährten, pflegen. Aber das manch ein Produkt der pfiffigen Guerlains eine Metamorphose durchmachte, auch um den Zeitgeist immer wieder zu bedienen, gehört zu einer der Stärken des Unternehmens, das sich in seiner Tradition immer wieder neu erfinden konnte, um bis heute eines der ersten Häuser zu bleiben. So wurde zum Beispiel „Jicky“ 1889 als Herrenduft kreiert und später dann einfach als Damenduft lanciert. Heute ist „Jicky“ bei Jungs und Mädchen gleichermaßen beliebt. Zeiten verändern sich, aber Düfte von Guerlain scheinen sich auf geheimnisvolle Weise immer wieder anzupassen.
Guerlains Laden avancierte durch den Neubau der Oper und vor allem durch das 1862 eröffnete Grand Hotel zum Mittelpunkt eines Luxuszentrums, das durch Baron Haussmann um die Rue de la Paix geschaffen wurde. Später siedelten sich Cartier, Worth, Paul Poiret und tout „le luxe“ um die duftende Oase an, die zum Mekka für alle modisch interessierten Damen – inklusive der Kaiserin Eugenie und ihrer Hofdamen – wurde. Der gesamte Adel, aber auch Amerikaner und besonders ein großer Exportmarkt nach Südamerika ließen die Guerlains zu einer einflussreichen Pariser Familie werden.
The Teas
Die Teesorten; Guerlain Avenue des Champs-Élysées

1853 wurden die Guerlains Hoflieferanten und das frische „Eau de Cologne Imperiale“ gibt es nicht nur bis heute zu kaufen, auch verdanken wir dem Cologne den Kultflakon mit den Bienen. Der Flakon erinnert ein bisschen an die Säule des Place Vendôme Säule und die Bienen sind eine Hommage an das Wappentier, welches die Bonapartes ein halbes Jahrhundert vorher dem Papst Urbino geklaut hatten – und das „à la Mode“ auf all ihren Portieren und Bezugsstoffen prangte.
Jede Generation der Guerlains hatte seine besonderen Begabungen und Schwerpunkte und so wurden Aimé Guerlain und sein Neffe Jacques die ersten großen „Nasen“ der Familie. Sie kreierten Düfte, die bis heute aus dem Rahmen fallen und die das gewisse Extra haben, was den Designerdüften häufig fehlt. Düfte und Pflege als Passion und nicht als Ergänzungsprodukt zu Fashion – dafür steht das mittlerweile von der Vuitton Group übernommene Haus wie kein anderes. Die „jungen“ Guerlains zündeten eine Bombe nach der anderen und ganz Paris war süchtig nach „Jicky“, die Männer benutzten „Mouchoir de Monsieur“, das man sich dem Namen nach auf das Taschentuch träufelte.
Private Consultation Salon
Private Consultation Salon; Guerlain Avenue des Champs-Élysées

Viele Künstler und Kunstsammler gehörten zu den Freunden der Familie. Jacques sammelte Kunst der Impressionisten, die damals als avantgardistisch galt und so verbrachten Architekten und Musiker gerne mit ihm die Freizeit. Immer am Puls der Zeit, ließ er seine Düfte in kunstvolle Kristallflacons von Baccarat einfüllen und insbesondere die Flakons, die von Jacques Le Chevalier für Baccarat geschaffen wurden, würden noch heute jeden Design-Kontest haushoch stürmen. Von der Familie Lalique ließ Jacques Guerlain hingegen wenige Flakons entwerfen, da er die Laliques nicht sonderlich mochte …
Es faszinierend nicht nur, dass bis heute (fast) alle Düfte von Guerlain aktuell wirken und viele noch im Sortiment vertreten sind, sondern auch, dass Jacques immer schon ein Gespür für zeitlose Duft-Kreationen hatte. 1906 „L‘ Apres l’Ondee“ und dann 1912 das mystische Meisterwerk „L’Heure bleue“, das mich schon mit 14 Jahren berauschte und bis heute begleitet. Modern Mädchen wurden 1916 von „Mitsouko“ erobert und „Shalimar“ ist bis heute die Plattform des Erfolges von Guerlain.
Jacques machte das Unterbewusstsein seiner Kundin durch eine Reihe von Zutaten verrückt, die immer wieder die Zielgruppe in ihrer Kombination ansprachen. Die so genannte „Guerlinade“ ist wie ein Geheimcode, der, hat man einmal Guerlain Düfte benutzt, einen immer wieder zu ihnen greifen lässt. Welch‘ wunderbare Verführung, von der man sich nur zu gerne einwickeln lässt …
Foto
Guerlain Avenue des Champs-Élysées

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts und der Kunst in dieser Zeit lassen sich in den Düften von Guerlain beschreiben. So wurde zum Beispiel, als Puccinis Oper „Turandot“ die Welt eroberte, der Duft „Liu“ nach der Sklavin der Prinzessin benannt. „Sous Le Vent“ widmete Jacques der heißblütigen Josephine Baker und seinem guten Freund, dem Flieger und Autor des kleinen Prinzen, Antoine de Saint-Exupéry, das umwerfende, nur jedem wärmstens zu empfehlende und auch für Männer geeignete „Vol de Nuit“.

Was den Wagemut bei Düften angeht, waren die Guerlains absolute Experten, aber sie hatten auch einen untrüglichen Sinn für alles Dekorative und nutzten ihr Netzwerk auch in den Zeiten, die lange Durststrecken vorauswarfen. 1914, also genau mit Beginn des Ersten Weltkrieges, zogen sie in die Nummer 68 an der Avenue des Champs-Élysées. Das Haus wurde in moderner Bauweise mit der Stahlskelett-Technik, die schon Gustave Eiffel angewandt hatte, erbaut, aber mit dem Charme des Fin de Siècle und dem, was Paris ausmacht, einer Prise Louis XV. …
Jacques liebte alles Neue und ungemein Hochwertige, was in ähnlicher Handwerkstechnik wie seine eigenen Produkte hergestellt wurde. Seine Seifen wurden handgemacht und direkt hinter dem Arc de Triomphe verpackt. Alle Zutaten kamen früher wie heute aus eigenem Anbau und unterliegen strenger Kontrolle. Guerlain schützt die Orchideen genauso, wie sie sich um besondere Iris-Sorten oder Rosen kümmert. Nachhaltigkeit ist seit Anfang an ein Kapital der Guerlains.

Wenig verwunderlich ist, dass er im Jahre 1935 Freunde, die gemeinsamen einen neuen Stil kreierten, bat, zunächst die Filiale an der Ecke zum Place Vendôme neu auszustatten und dann die Schönheitssalons in der zweiten Etage der Maison Guerlain 1939. Jean-Michel Frank, bis heute Interieur-Legende und eine der schillerndsten Figuren des 20. Jahrhunderts, hatte einen völlig eigenen, klassisch, aber total puren modernen Stil geschaffen, der Möbel und Raumkonzepte schaffte, die Legenden sind. Mit dem Illustrator Christian Bérard und dem Bildhauer Diego Giacometti entwickelte er für seine Auftraggeber, wie die Comtesse de Noailles oder Nelson Rockefeller, Wohnungen, deren Einzelstücke heute zu den Spitzen des Kunstmarktes gehören. Frank verwendete gerne für Vertäfelungen und Möbel gekalkte Eiche und Bérard würzte mit flamboyanten Teppichentwürfen und Wandbespannungen farblich kontrastierend, während Diego Giacomettis Lampen und Accessoires, gegenüber dem feinen Stil etwas barbarisch, dem Konzept Modernes geben.
The Winter Garden
Der Wintergarten; Guerlain Avenue des Champs-Élysées

Schon in den Siebziger Jahren, als Sammler wie Karl Lagerfeld den fast vergessenen Jean-Michel Frank wiederentdeckten und die Guerlains, die Keypieces im Institut und am Place Vendôme unangetastet gelassen hatten, wurden nicht nur die Designer Bonetti & Garouste inspiriert, sondern auch der Architekt, der jetzt die Maison Guerlain in die Welt der Düfte verwandelt hat: Peter Marino.
Marino sammelte viele Originale und schuf immer wieder eigene Kreationen im Geiste Jean-Michel Franks. Er studierte die Handwerkstechniken, wie die Stroh-Marketerie, die aus vielen flach gebügelten Naturstrohhalmen wie eine kunstvolle Holzvertäfelung wirkt. Lampen aus Bergkristall und besondere Pilaster-Techniken – alles, was die Handwerker Franks konnten, wurde von Marino aufgesogen.
Deshalb verwundert es jetzt nicht, dass bei aller Modernität genau diese Codes immer wieder in neuem Kontext, den Eindruck der Maison Guerlain verstärken, so als ob schon immer alles da gewesen sei. Nichts wirkt gekünstelt oder aufgesetzt, genau die Wurzeln des Hauses Guerlain – aber mit den Augen von 2014 gesehen. Jacques Guerlain wäre begeistert. Hinzu gekommen das Restaurant und der „Salon de Thé“ im Untergeschoss mit dem genialen Küchenchef Guy Martin.
Martin kreiert mit den Gewürzen und Duftwelten Guerlains Menüs und die Guerlain Tees sind wie die Welten von “ La Petite Robe Noire“ , „Shalimar“ oder „Liu“. Es gibt einen Gesellschaftsraum ganz im Geiste von Jean-Michel Frank und einen größeren im flamboyanten Pink des Christian Bérard.
Auch Guerlains Schönheitsinstitut ist legendär und bekommt einen eigenen Bericht von mir, weil es einfach das größte Gefühl des Sich-Verwöhnens beinhaltet und die raffinierten Methoden weit über eine „normale“ Kosmetikbehandlung hinausgehen.
Peter Marino restaurierte diesen Kunstschatz und ergänzte ihn so, dass das Institut zu einem normalen Tagesgeschäft gewachsen ist. Man kann die Schönheit und Ruhe dieser Oase an einer der verkehrsreichsten Strassen von Paris kaum fassen – der wahre Luxus ganz im Stile der Familie Guerlain wirkt wie ein behagliches Heim.
VIP Salon
VIP Salon; Guerlain Avenue des Champs-Élysées

Die Originalboutique im Erdgeschoss wurde im Stil des „Salon de Mars“ inspirierten Louis XV. – Fin de Siècle Stiles erhalten und man kann auch die alten Seifenfächer mit den verschiedenen Einteilungen noch genau so sehen, wie den Platz, an dem Monsieur Guerlain seine Kundinnen gern mal schnuppern ließ, wenn er etwas ausprobierte. „Das beste Marketing sind meine Kunden“, pflegte er zu sagen.
Guerlain steht zwar unter dem Dach des LVMH Konzerns, hat aber immer noch einen eigenen und sehr individuellen familiären Charakter. Es werden nur Ergänzungsprodukte in der Maison gezeigt, die mit dem Haus oder der Parfümerie zu tun haben. Der Fächermacher war schon in der Rue de la Paix Nachbar der Guerlains und sitzt auch heute noch dort.
Peter Marino erreicht in der langen Duftgalerie in cleanem Weiß eine ultramoderne Verschmelzung von Contemporary Art mit Coolness, gewürzt mit Kunstwerken und Collagen in den „Kosmetik Bars“.
Im ersten Stock dann die große Duftorgel mit den Klassikern und Neuheiten des Hauses und ein Salon, der komplett mit den Bienenflakons ausgekleidet ist, in dem man die „Sur Mesure“ Parfüms, also die Düfte, die man für sich individuell entwickeln lassen kann, zusammenstellt und mit den Klienten bespricht.
Guerlain Perfume
Parfüm von Guerlain

Dass die Familie Guerlain und ihre Mitglieder dieses Haus immer geprägt haben und werden, zeigen die ausgestellten Flakons und Seifen, kleine Puderdöschen und Lippglosse aus der Sammlung von Sylvie Guerlain, die durch die Geschichte führen und immer wieder für kleine Neuauflagen sorgen.
Überhaupt ist das Repertoire von Guerlain so unermesslich und ein Besuch in der Maison ist, trotz allen Geschäftsbetriebes und der zahlreichen Kunden, wie das Abtauchen in eine Welt die es nur hier gibt. Die Symbiose zwischen Behaglichkeit, Wohlgeruch, Tradition und dieser ungeheuren Kraft einer Pariser Unternehmerfamilie, die die Welt durch ihre Düfte nun schon über 150 Jahre verzaubert – die Guerlains.

Heute ist Monsieur Thierry Wasser die unkonventionelle Nase, die total in dieser Welt aufgeht und neben der Recherche und der absoluten Aufarbeitung der Tradition die Gabe besitzt, die Maison Guerlain mit neuen Schöpfungen zu ergänzen.
Eine große Überraschung wird es übrigens im Herbst geben. Um sie Euch vorzustellen, hab ich wenigstens einen sehr guten Grund, die wieder Maison Guerlain zu besuchen – und eigentlich sollte sie jetzt bei jedem Paris Besuch Pflichtprogramm sein.
Bis ich wieder da bin, benutze ich einfach „L’Heure Bleue“ – ein Duft, wie ein Lächeln von Monsieur Guerlain …

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  • Claus
    16. Juni 2014 at 10:52

    Schöner Einblick, voller Freude geschrieben!

  • Horst
    16. Juni 2014 at 11:44

    Bin auf die Neuigkeiten im Herbst gespannt, toller Bericht!

  • Julian Gadatsch
    16. Juni 2014 at 12:43

    Spannender Bericht, lieber Peter!! Hier lernt man mehr als in Uni, Schule & Co. :))

  • Siegmar
    16. Juni 2014 at 13:09

    wunderbarer Artikel, mein Start in den Wochenanfang, super !

  • Markus Brunner
    16. Juni 2014 at 16:09

    vortrefflich geschrieben, toller Einblick, und die Jean Michel Frank Stücke ganz mein Geschmack

  • Shout-Outs: Die Blogger-Woche | Luxury First
    16. Juni 2014 at 17:03

    […] In die Welt der hohen Parfumeurskunst kann man eindeutig bei Guerlain eintauchen. „Horstson“ nimmt uns mit auf die […]

  • J
    16. Juni 2014 at 18:32

    Begeistert, wenn auch nicht meine Düfte. Für den nächsten Paris Beduch vorgemerkt!