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Peter’s Cutting – Jean Patous moderne Frauen

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Bild: Patou Archiv/ Jean de Mouy

Der Wegbereiter der Mode für die moderne, emanzipierte Frau und Inbegriff für die Einführung der Sportmode war der französische Modeschöpfer Jean Patou.
Viele Errungenschaften der zwanziger Jahre, die man heute Mademoiselle Chanel zuschreibt, wurden zeitgleich von ihm lanciert oder sogar von Chanel übernommen. Schaut man sich die Kollektionen von Patou und Chanel vom Ende der zwanziger Jahre an, kann man nicht nur Parallelen feststellen, sondern es fällt manchmal sogar schwer, die Kreationen zu unterscheiden. Sportlichkeit, das neue Frauenbild der flachen, fast androgynen Frau und vor allem die Modernität von Schnitten und Mustern zeichnen seine Kreationen aus.
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Bild: Patou Archiv/ Jean de Mouy

Jean Patou, 1887 als echter Pariser Junge im zehnten Arrondissement geboren, kam als Sohn eines Gerberei Besitzers schnell mit der Couture in Verbindung und gründete bereits 1909, also vor dem ersten Weltkrieg, sein Modehaus.
Patou sah super chic aus und war auch in Paris ein echter Hingucker. Noch heute strahlen seine Porträts das aus, was man heute als „Role Model“ beschreiben würde. Patou war einer der ersten Männer, der zweireihige Smokings trug und Jazz und amerikanische Kulturbewegungen waren seine Welt. Dies sollte ihm auch später geschäftlich zum Glück verhelfen, denn der amerikanische Markt wurde für ihn zu einem der wichtigsten.
Patou gehörte, genau wie Chanel, zu den Menschen, die einfach sofort die rasante Entwicklung und den Geist ihrer Zeit begriffen und direkt umsetzten, während ihre Kollegen vermeintlich eleganteren Zeiten nachtrauerten und dadurch den Anschluss verpassten.
Aber zunächst musste er in den Ersten Weltkrieg und kam nach Saloniki in Griechenland, wo er von der Einfachheit der griechischen Gewänder der Antike total beeindruckt war und die folkloristischen Stickereien lieben lernte. Nach dem Krieg schien in Europa nichts mehr wie vorher und die Frauen befreiten sich komplett von ihrer Vorkriegsrolle. Selbstbewusstsein, Berufstätigkeit und ein freierer Lebensstil hielten über Nacht Einzug und Kleidung musste von heute auf morgen ganz anders als zuvor sein.
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Bild: Patou Archiv

Ein paar Schritte entfernt von der Place de la Concorde, in der Rue Saint-Florentin, lagen Patous Salons. Im ersten Stock, ganz im Louis XVI. Stil eingerichtet, wurden die Kollektionen vorgeführt und verkauft. Das Erdgeschoss hatte nicht nur eine große Parfumboutique, denn Patou hatte, genau wie Chanel, in St.Ouen eine eigene Parfumfabrik und ließ dort seine Düfte in kostbaren Baccarat Flacons verpacken. Die Lippenstifte wurden in Kooperation mit Cartier hergestellt und waren wie kostbare Schmuckstücke: Goldene Hüllen in roten Cartier Boxen mit dem Emblem von Patou. Parfums wie „Amour Amour“ oder „Adieu Sagesse“ gehörten zu seinem Portfolio, bevor er dann seine Dauerbrenner „Joy „und „1000“ präsentierte.
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Bilder: Patou Archiv

Joy war jahrzehntelang das teuerste Parfum der Welt und wurde von Jean Patou als eine Art „Trotzreaktion“ nach dem Börsencrash 1929 vorgestellt – er vertrat die Meinung, dass nur echter Luxus eine Überlebenschance habe …
Noch eine weitere Neuerung wollte er einführen und nutzte das Erdgeschoss für die sogenannte Sportcouture. Pullover, Schals, Strickjacken, Jersey Ensembles und Ski- und Wintersport-Kleidung wurde neu eingeführt. Schaut man sich heute seine Pullover an, könnte man sie sofort wieder anziehen, so modern sind sie und man weiß sofort, wo Sonia Rykiel ihre Wurzeln und Inspirationen herhat … Geometrische Muster, Streifen und, heute alltäglich, damals ganz neu, das Jean Patou Brand wurde als Schmuckelement getragen. Das hatte damals noch keiner gewagt.
Neben der Boutique betrieb Jean Patou eine eigene Cocktailbar, in der man sich traf und Partys feierte oder die zur Lancierung von neuen Düften genutzt wurde. Patou wollte alles, lange vor Concept Store und Co., miteinander verbinden und so dachte er modern und übergreifend und kreiert um sein Label eine Art Lifestyle herum …
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Bild: Patou Archiv/ Jean de Mouy

Mit seinen Mannequins machte er große Amerikatourneen und verkaufte in Trunk Shows seine Kollektionen. Das wiederum ließ seine Parfum und Kosmetikverkäufe in die Höhe schnellen und Patou war das, was man heute eine moderne Marke nennt. Engländerinnen und Amerikanerinnen bildeten seine Hauptkundschaft. Er passte total in die zwanziger Jahre und leitete gekonnt Anfang der dreißiger Jahre mit der Verlängerung der Silhouette und seinen Sirenenkleidern in den Hollywood-Stil über, der, durch den Tonfilm verbreitet, weltweit modern wurde.
Zeitweise überlegte er sogar, eine Filiale in der Filmmetropole aufzumachen. Wahrscheinlich wäre der Stil Patous bei so einer rasanten Weiterentwicklung noch viel populärer geworden – er war Chanel dicht auf den Fersen – wenn er nicht so früh verstorben wäre: 1936 stirbt er in seinem Apartment in der Avenue George V. an einem Herzinfarkt. Allerdings erzählt man sich in seiner Familie, dass wahrscheinlich sein elektrischer Rasierapparat, den er sich aus Amerika mitgebracht hatte, in die Badewanne gefallen war.
Raymond Barbas, sein Neffe, übernimmt als Nachfolger das Haus und mit wechselnden Designern wird es weiter geführt. Lange Jahrzehnte bleiben seine Parfums Weltbestseller. Karl Lagerfeld designte in den fünfziger Jahren, nachdem er den Preis des internationalen Wollsekretariats gewonnen hat, die Kollektionen und noch heute kommt bei Chanel der ein oder andere Couture Entwurf vor, der vom Geist des schönen Jean Patous geprägt ist. Michel Goma zeichnet lange die Kollektion, bis schließlich 1982 ein junger Mann das Haus kurzfristig wieder zu Weltruhm befördert und eine völlig neue Art Couture entwirft, um sich dann 1987 selbstständig zu machen und seine eigene Linie zu entwickeln: Christian Lacroix.

Jean de Moüy, der Großneffe von Patou, stellt nach dem Weggang von Lacroix die Kollektionstätigkeit ein und schließt das Haus. Heute befindet sich ein Ministerium in der Nummer 7 Rue Saint Florentin, aber die Salons sind erhalten. Die Parfums werden teilweise noch produziert, leider aber nicht mehr solch unglaublichen Düfte wie“ Normandie“ oder „Adieu Sagesse“ – Parfumlegenden, von denen man sich ein Comeback wünscht …
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Jean Patou, 1924Bild: Patou Archiv/ Jean de Mouy

Patou war modern und auf seine Weise auch minimalistisch. Alles Kriterien und mit der DNA des Hauses durchaus vorstellbar, dass man eine moderne Marke daraus machen könnte. Vielleicht entdeckt das ja, ähnlich wie bei Schiaparelli oder Carven, ein findiger Konzernchef und wagt einen Relaunch.

Wer neugierig auf Jean Patou geworden ist: Bei Edition Flammarion ist 2013 ein wunderbarer Bildband mit umfassender Geschichte und tollen Eindrücken aus der Geschichte des Labels erschienen: Emmanuelle Polle’s “ Jean Patou une vie sur mesure“.

Jean Patou, ein chicer Visionär seiner Zeit …

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  • Horst
    10. Februar 2014 at 10:33

    Verdient hätte es das Label Patou!
    Schöner Artikel!

  • Markus Brunner
    10. Februar 2014 at 11:44

    ganz schöner bericht!!!!

  • Siegmar
    10. Februar 2014 at 12:08

    ich mag es sehr am Wochenanfang solche wunderbare Artikel zu lesen, hebt dann meine Stimmung ungemein, danke ! :_)

  • monsieur_didier
    11. Februar 2014 at 17:41

    …Deine artikel sind IMMER lesenswert, werter Peter…
    und Patou sieht sehr beeindruckend und im wahrsten Sinne chic aus…
    spannend und informativ geschrieben und wunderbar zu lesen…!

    …es wäre absolut toll, wenn dieses Haus wiederbelebt werden würde…!