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Heisse Dates für Klamottenhuren – Wallapop

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Yeah! Wer kennt sie nicht, die scharfen Smartphone-Toys für Triebfreudige. Grindr, Tinder … olé! Baden im permanenten Überangebot. Die noch, der noch, die auch noch in die engere oder eben in die weitere Wahl. Macht eh keinen Unterschied. Sich dann entscheiden, furchtbar schwer. Egal. Ist alles bis morgen eh vergessen… Rein ins Vergnügen. Schicksal nimm nun deinen Lauf!

Ich hab’s probiert. Für Horstson hab ich es probiert. Das heisseste Ding im Geolocating. Freizügige Kleiderschränke in deiner Nähe warten auf dich! Wallapop, du Sau! Wallapop ist saftig und geil. Ein kurzer Chat genügt, und man trifft sich in Apartments, in Hotellobbys und auf öffentlichen Plätzen. Hmmm. Ohhh. Ahhh. Sensationelle Tasche hast Du mir da mitgebracht. Ich werd verrückt, die Jacke meiner Träume! Her mit dem Zeug. Nimm das Geld und hau ab! Heisse Nächte in Barcelona.

So hab ich´s erlebt. Oder so ähnlich. Freundlicher natürlich, aber durchaus vergleichbar fieberhaft, denn Wallapop hat Suchtpotential. Und dabei ist Wallapop rein oberflächlich betrachtet fürchterlich banal und unsexy. Es ist eine fotobasierte Kleinanzeigen-App gekreuzt mit eben jenem Geolocating, das zeigt, wer im Umkreis von ein paar Kilometern gebrauchte Kinderfahrräder anbietet oder alte Gartenstühle. Shipping entfällt da eh fussläufig. Transaktion ist Bargeld gegen Ware von Angesicht zu Angesicht. Wallapop wurde im Oktober 2013 in Spanien gegründet und ist bislang über die Landesgrenzen hinaus kaum bekannt, was sich bald ändern wird, denn die Gründer haben im Stillen vernünftig Investments mobilisiert.

Ich bin also in Barcelona und eine Freundin erzählt mir von dem Ding. Klamotten und Möbel kaufen kann man ganz gut, sagt sie, und ich denke: Permanenter Flohmarkt! Mit der Wünschelrute durch die Stadt! Wie geil ist das denn! Also flott die App aufs Handy gezogen und den Motor angeschmissen. Wir sitzen in einer ganz ordentlichen Gegend und in der Tat, was im Umkreis angeboten wird, ist auf den ersten Blick nicht der allergrösste Mist. Also per Suchfunktion tiefer rein. Nach ein paar Stunden, meine Begleitung hat sich längst verkrümelt, hab ich atemberaubende Möbel und ein paar nette Klamotten auf der Screen gestreift, und jetzt weiss ich, wie es geht.
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Bild: „Junger Schweizer in Sevilla*. British Library, Public Domain

Wer Klamotten sucht, gibt einfach seine Lieblinge ein. Zu plakative Brands fluten den Bildschirm erwartungsgemäss mit Fake-Sonnenbrillen, aber so semi-obskure Namen wie Dries van Noten, John Lobb, Etro etc. führen relativ sicher ans Ziel. Sieht man etwas, das halbwegs der eigenen Lebenswelt entspricht, ist der nächste Click auf Anbieter. Man findet dann kein Profil oder vollen Namen, sondern nur den Kram, den diese Person noch zum Verkauf eingestellt hat. Und genau dieser Kram gibt dir alle Information, die du brauchst. Ganze Welten öffnen sich. Biographien liegen ausgerollt in der Hand. Manche möchte man näher kennenlernen. Aus manch lustiger Sammlung möchte man für kleines Geld das ein oder andere Wunderstück erwerben. Chatfunktion an. Buenas tardes…

Drei Tage lang hab ich es gemacht. Drei Tage die fremde Stadt nicht als ewige Aneinanderreihung von Schnarchboutiquen erlebt, sondern von innen. Irgendwo wartet etwas auf dich. Du musst es nur finden. Und du findest. Und du kaufst. Triffst Leute, die einen Nachlass verkloppen, und andere, die turnusmässig ihre Garderobe belüften. Das Mädchen mit den leuchtenden Augen, das sich freut, weil endlich jemand Grossvaters Lieblingsstücke zu schätzen weiss. Der internationale Playboy, der seine Bude auflöst und dir neben flashy Fummel und tollen Möbeln auch gleich seinen 911er ans Herz legt. Die flotte Karrierefrau, die das Zeug ihres Mannes, oder Ex-Mannes, so genau war das nicht zu verstehen, loswerden will. Ist auch egal. Muss eh alles raus. So ist die Welt. So macht sie Spass.

Wallapop also. Gibt es übrigens, wie ich dann in der Heimat erfuhr, ganz ähnlich auch in Deutschland. Nennt sich ‚Shpock‘, scheint technisch identisch, bleibt aber, ich habe verglichen, hinter dem Zauber des Südens weit zurück. Manchmal muss es eben doch Barcelona sein. Oder Paris, Rom, St Petersburg. Ich wünsche viel Vergnügen.

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  • Siegmar
    9. Oktober 2015 at 09:17

    witziger Artikel und interessant das es in Spanien funktioniert und irgendwie anscheinend auch noch Spaß macht, ich habe mir Shpock mal angetan und das ist ziemlich öde.

  • gastautor_vk
    9. Oktober 2015 at 12:09

    regionale unterschiede in globalisierter welt. ich war auch ueberrascht. schoenes forschungsfeld fuer die sozialanthropologie.

  • Monsieur_Didier
    9. Oktober 2015 at 13:11

    Shpock ist völlig doof und die meisten anderen Apps in diesem Bereich zaubern mir pantomimischen Herpes auf’s Gesicht…
    das einzige Tool, welches ich in diesem Bereich nutze ist „ganz klassisch“ Ebay-Kleinanzeigen…
    das funktioniert wenigstens und ist effektiv…

  • gastautor_vk
    9. Oktober 2015 at 14:38

    mein wallapop-test war wirklich die genialste erfahrung seit dem ersten mal google als search tool zu benutzen vor 15jahren oder so.
    ok – wie wir jetzt gerade im vergleich zu shpock wissen, das ja wie es scheint ein komlett identisches ding ist, ist der zauber von wallapop recht voraussetzungsreich. in ferien- und entdeckerlaune am richtigen ort – vielleicht auch zur richtigen zeit – hat es super funktioniert. genial.
    vielleicht liesse sich das aber auch in barcelona unter idealbedingungen nie mehr vergleichbar reproduzieren. keine ahnung. ich weiss es nicht.
    was ich aber weiss, ist, wie unglaublich geil son ding im besten aller faelle sein kann.
    echter gamechanger, gerade im vergleich zu ebay – sorry M_D, jeder jeck is anders – bei ebay hat mich von anfang an diese ersteigerungssituation so genervt, dass ich der sache nie ne zweite chance gegeben habe und wahrscheinlich auch nicht geben werde.
    womit dann auch ganz klar wird, wie wichtig es ist, dass gerade ersterfahrungen positiv verlaufen.

  • gastautor_vk
    9. Oktober 2015 at 15:02

    und: schon in spanien sind die unterschiede bei wallapop gewaltig. madrid ist langweilig im vergleich. – starke design- und mode-awareness braucht es am ort. und dann eben auch die leichtigkeit, sich von sachen zu trennen, die wirklich noch flammneu und 1a in schuss sind. kann sein, dass deutschland da total anders tickt. ‚was noch keinen staub angesetzt hat und ohne mottenloecher ist, kommt nicht auf den flohmarkt‘ .. kann sein.

  • Die Woche auf Horstson – KW 41/2015 | Horstson
    11. Oktober 2015 at 12:05

    […] hat unser Gastautor „das heisseste Ding im Geolocating“ ausprobiert. Sein Resümee: Wallapop ist saftig und geil. Wir wünschen einen schönen […]