Auf Einladung von BMW

Nachgefragt bei … Adrian van Hooydonk / Head of BMW Design

Adrian van Hooydonk / Head of BMW Design; Bild: BMW

Weitreichende Visionen – Im Rahmen des Concorso d’Eleganza Villa d’Este und der BMW-Neuvorstellung der Designstudie Concept 8 Series am Comer See (den Artikel gibt’s hier zum Nachlesen), durfte ich vor geraumer Zeit Adrian van Hooydonk zum Gespräch treffen. Der gebürtige Niederländer steht seit 2009 an der Spitze der BMW Group und leitet sämtliche Designteams. Bewusst oder unbewusst wird so jeder von uns schon einmal seinen Entwürfen und Entwicklungen auf der Straße begegnet sein, schließlich prägt er als Designmanager die Automobilindustrie. Ein kurzer Blick auf seinen Werdegang genügt: Industriedesign-Studium an der Technischen Universität Delft, weitere Vertiefungen am Art Center College of Design in Vevey, eine der renommiertesten Schmieden der Automobilindustrie. Nach Beendigung der Ausbildung ging es für Hooydonk subito zu BMW nach München, eine Erfolgsgeschichte – und das seit Jahrzehnten. Auf der Seeterrasse des Grand Hotels treffe ich auf einen aufgeschlossenen Gesprächspartner, der trotz randvollem Kalender Rede und Antwort steht. Ein Interview über Concept Cars, Emotionalität und Zeitgeist.

Zuallererst, und diese Frage brennt mir auf der Zunge: Was fällt in Ihren Aufgabenbereich?
Mein Verantwortungsbereich deckt sämtliche Designaktivitäten der BMW Group ab. Sprich: Alle Automobildesigns von BMW, MINI, Rolls-Royce. Dazu kommen das Motorraddesign und die Arbeit in unseren Design Studios.

Was hat es mit Letzterem auf sich?
Designworks ist ein Tochterunternehmen der BMW Group und konzentriert sich allgemein auf Kreativberatung, das Schaffen von innovativen Impulsen. Unsere Teams entwickeln beispielsweise Designobjekte, welche unternehmensintern und -extern Anklang finden. Dabei profitieren wir von unserem Wissen aus dem Automobilbereich, unsere Studios sind in München, Los Angeles und Shanghai angesiedelt.

Stichwort „BMW 8er“: Mit welchem Vorlauf ist bei einem solchen Projekt zu rechnen?
Du meinst die Präsentation hier am Comer See? Das bedarf mindestens einem Jahr Vorarbeit! Vor gut zwölf Monaten haben wir uns entschieden, dass wir unsere neue Designstudie Concept 8 Series im Rahmen des Concorso d’Eleganza der internationalen Presse vorstellen möchten. Für mein Team und mich ist diese Präsentation eine ganz besondere Angelegenheit: Der gezeigte BMW 8er ist nicht bloß exklusives Einzelstück, welches gut aussehen und glänzen soll, nein. Er ist wichtiger Wegweiser. Das Concept Car zeigt, in welche Richtung BMW zukünftig mit seiner Formsprache gehen wird. Wir wagen einen großen Schritt, spannende Zeiten liegen vor uns: Die Formsprache wird cleaner, klarer, schärfer. Klar, dadurch auch mehr sophisticated. Wir wollen mit so wenig Mitteln wie möglich Emotionalität schaffen – sowohl im Außen- als auch Innenbereich des Fahrzeugs.

Concorso d’Eleganza; Bild: BMW

Lassen Sie uns näher auf das Thema zu sprechen kommen!
Bei der Innenausstattung spielen Connectivity und Digitalisierung eine immer wichtiger werdende Rolle. Die Fahrzeuge werden immer schlauer, so lassen sich für die Bedienung beispielsweise die Anzahl an Köpfen reduzieren. Sie werden schlichtweg überflüssig, weil man viel weniger im Fahrzeug zu bedienen hat. Die verbliebenen Knöpfe haben wir stärker aufgeteilt und gruppiert. Wenn wir den Blick auf das Äußere des Concept Cars werfen: Bei der Formsprache kommt es immer auf Details an! Das lässt sich sehr gut an den Heckleuchten erkennen, nicht? Sie wirken beinahe skulptural!

Die Präsentation der Designstudie erlaubt erste Einblicke auf die nächsten Jahre bei BMW: Was hat es mit der Strategie „Number one next“ auf sich?
BMW wird in den nächsten zwei Jahren sehr viele neue Produkte auf den Markt bringen, die vorgestellte Concept 8 Series wird dabei ein Topprodukt in unserer zukünftigen Modellpalette ausmachen – gleichermaßen elegant und sportlich. Für uns ist es eine spannende Möglichkeit, anhand des neuen BMW 8er die Formsprache neu zu definieren. In den kommenden zwei Jahren werden sich unsere Ideen des Designs weiter manifestieren, zudem steht die Unternehmensstrategie für kürzere Entwicklungszyklen.

Prozesse dieser Art sind zwangsläufig mit Zukunftsprognosen verbunden. Sie müssen erkennen, was in den nächsten Jahren angesagt sein wird: Wie gehen Sie solche Herausforderungen an?
Das ist ein essentielles Thema für uns, vielleicht sogar der schwierigste Teil unserer Tätigkeit. Um eine solche Designstudie wie die Concept 8 Series vorzubereiten, bedarf es einem Vorlauf von mindestens drei, vier Jahren. Wir müssen dabei sämtliche Entwicklungen berücksichtigen, überlegen, was zukünftige Trends sein werden. Was wird angesagt sein? Eine wichtige Frage, der wir uns immer wieder stellen! Wir können die Zukunft nicht vorhersagen, soviel steht fest. Wir können jedoch Entwicklungen im Bereich Ästhetik und Design verspüren und sind mit unserer Arbeit dicht am Thema dran.

Bild: BMW

Ich verstehe…
Wenn sich Dinge verändern, und das tun sie unweigerlich, ist dieser Prozess teilweise zu erkennen, ggf. schon sichtbar. Als Automobilhersteller BMW, MINI oder Rolls-Royce muss man dabei frühzeitig genug entscheiden, wie man potentiellen Megatrends begegnet. Für uns ist es essentiell, dass wir eine Verbindung zu unserer eigenen Unternehmensgeschichten herstellen. BMW hat eine Historie, die bereits 100 Jahre alt ist – darauf sind wir stolz. In diesem Fall ist es jedoch auch unser Anliegen, die Geschichte weiter nach vorne zu tragen. Der Kunde ist interessiert an Neuem, da muss man konstant mit innovativen Ideen am Ball bleiben.

Der Design-Professor Lutz Fügener spricht nicht umsonst beim Thema Autodesign als „Ausdruck des Zeitgeists“, oder?
Absolut, dem stimme ich zu! Gerade im Kontext des Concorso d’Eleganza Villa d’Este passt dieser Gedanke sehr gut. Man muss sich nur mal exemplarisch Fahrzeuge aus den 1950er- bis 1970er-Jahre anschauen. Zeitgeist ist etwas, das viele Bereiche umfasst und ausmacht: Es gilt für politische Fragen, die allgemeine Grundstimmung der Gesellschaft. Ist diese optimistisch oder pessimistisch eingestellt? Dann zeigt Zeitgeist natürlich auch auf, was technologische Möglichkeiten ausmachen. Wonach wird gestrebt, was steht im Fokus des Interesses? Die Welt von heute ist vielschichtig und klar: Auch unruhig. Wenn wir etwas kaufen, unser Geld für etwas investieren, überlegen wir uns diesen Schritt sehr genau. Man darf nicht vergessen, dass wir in einer Informationsgesellschaft leben. Wir lassen uns nichts vormachen, sind umfassend informiert. Wir sind jedoch auch bereit für gute Qualität etwas mehr Geld auszugeben.

Welche Schlussfolgerung ziehen Sie aus diesem Gedanken?
Wir müssen mit unserer Arbeit authentisch auftreten. Wenn etwas vom Design her schnell aussehen soll, muss es auch in der Umsetzung fast sein. Verstehst du was ich meine? Unser Design drückt immer aus, wie sich das Fahrerlebnis mit dem Fahrzeug anfühlt! Dafür muss jedes Detail sitzen. Wenn wir uns die Designstudie der Concept 8 Series noch mal anschauen: Wir glauben, dass diese reduzierte Formsprache zum Zeitgeist passt. Man möchte in Produkte investieren, die nicht zu überladen wirken…

Bild: BMW

Was geht Ihnen dabei noch durch den Kopf?
Das Leben wird immer vielfältiger. Die Menschen sind beschäftigt, haben viel zu tun. Wenn man in sein Auto einsteigt und die Türe schließt, ist das ein besonderer Moment: Das ist persönliche Zeit. Zeit, die unsere Kunden ganz für sich haben – das habe ich immer im Hinterkopf.

Einen Blick in die Zukunft von BMW haben wir gewagt. Anlass dieser Reise ist jedoch auch die Auseinandersetzung mit dem Thema Vergangenheit, beim Concorso d’Eleganza Villa d’Este geht es schließlich um die Auszeichnung von Oldtimern: Lassen Sie sich hier inspirieren, Stichwort „Retro-Design“?
Natürlich schaut man ganz genau hin, wenn man die einzelnen Oldtimer sichtet. Ich lasse mich gerne inspirieren, auch wenn Retro-Design nicht unbedingt mein Ding ist. Alle ausgestellten Fahrzeuge sind Unikate, erzählen unzählig viele Geschichten. Es ist sehr interessant darüber nachzudenken, was sich Autobauer damals gedacht haben könnten. Folgende Fragen beschäftigen mich auf dem Concorso: Was haben sich die Verantwortlichen damals überlegt, was war Intention zur Fertigung des Modells? Bedingt durch meine berufliche Tätigkeit weiß ich natürlich, wie man eine Karosserie baut. Ich setze mich auch mit Aerodynamik auseinander, wahrscheinlich sogar mehr als die Leute früher – deshalb ist es so spannend die Oldtimer aus nächster Nähe zu sehen. BMW selbst verfügt über eine enorm reiche Historie, da wüssten wir beim Gedanken an Retro-Design ehrlicherweise gar nicht, wo wir anfangen sollten. Es gäbe zahlreiche Fahrzeugmodelle, die wiederbelebt werden könnten. Wo wir gerade beim Thema sind: Im Rahmen des Concorso d’Eleganza haben wir immer mal wieder Hommage Cars gezeigt…

Hommage Cars?
Dafür haben wir Automodelle aus der Vergangenheit unter die Lupe genommen und reinterpretiert. Runtergebrochen könnte man sagen: Wir haben die Fahrzeuge so gestaltet, wie wir sie zur heutigen Zeit auf den Markt bringen würden. Das waren immer sehr interessante Übungen für unsere Teams und mich. Hommagen dieser Art haben wir jedoch nie in Serie gebracht, schließlich schauen wir mit unseren Serienprodukten stets in Richtung Zukunft.

Bild: BMW

Apropos „Zukunft“: Zeichnen Sie noch mit Stift und Papier?
Ich für meinen Teil tue das noch, habe immer einen Stift in der Tasche! Unsere Designer hingegen weniger, sie zeichnen überwiegend auf dem Tablet und drucken es anschließend aus.

Wie kann man sich Ihren Arbeitsalltag vorstellen?
Ich betreue sehr viele Projekte gleichzeitig, demnach ist mein Alltag eng getaktet – es laufen circa 50 bis 60 Projekte parallel. Bedingt dadurch, dass ich in sämtlichen Projekten involviert bin, schaue ich ganz genau hin. Natürlich kann ich bei der Vielzahl an Themen nicht alles im Detail und Tagesgeschäft überblicken, dennoch: Ich muss schauen, dass ich die Kreativität meiner Teams anzapfe und diese bestmöglich katalysiere, schließlich arbeiten wir gemeinsam an der Durchführung und Erzielung von Ergebnissen. Im Umkehrschluss bedeutet das für mich tägliches Sichten von jeder Menge Skizzen und Ideen. Damit entspreche ich wohl der Rolle eines Art Directors.

Lassen Sie uns abschließend noch einmal den Blick in Richtung Zukunft werden: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?
Ich bin der festen Überzeugung, dass die nächsten Jahre extrem interessant werden. Themen wie Connectivity und Digitalisierung sorgen für eine immer intelligenter werdende Ausstattung der Fahrzeuge – ein enormes Potential! Auch wird das Thema der Elektrifizierung voranschreiten, Emissionen werden zukünftig bis auf Null runtergefahren werden. Das bietet uns neue Möglichkeiten in der Konzeption. Auch und gerade im Bereich Design warten aufregende Zeiten auf uns, soviel steht fest. Wenn man sich den Markt anschaut, bleibt es ebenfalls interessant: Viele neue Unternehmensideen und Start-Ups kommen auf. Nicht alle werden uns tangieren, aber die ein oder andere Entwicklung wird garantiert auch uns prägen. Manch etabliertes Unternehmen wird dabei ins Schwanken geraten oder gar vom Markt verschwinden, das lässt sich nicht vermeiden. Für die BMW Group planen wir aktuell Projekte bis 2020, teilweise 2025.

Bild: BMW

Worauf liegt dabei Ihr Hauptfokus?
Für die nächsten zehn Jahre möchte ich unsere Marken entscheidend vorangebracht haben. Konkret heißt das für uns: Wir wollen sämtliche neue Technologien beherrschen, unser Design soll weiterhin zugewinnen. Wir sind gut aufgestellt. Unsere Kunden werden bei uns auf noch stärker emotionale Fahrzeuge setzen können. Gerade das Design wird ein immer wichtiger Kaufgrund, wenn nicht sogar Entscheidungsgrundlage, werden.

Design als Distinktionsgrundlage…
Ganz genau, und dort stecke ich mit meiner Arbeit mitten drin. Soviel sein verraten: Es bleibt spannend.

Ich danke Ihnen für das Gespräch!

OFFENLEGUNG: DIE REISE GESCHAH AUF EINLADUNG VON BMW. INHALTLICH WURDE SEITENS DES GASTGEBERS KEIN EINFLUSS GENOMMEN.

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