Interview

Nachgefragt bei … Christian von der Heide, Teil 2

Bild: Atelier Christian von der Heide

Christian von der Heide ehrt mit seinen Arbeiten die klassische Handwerkskunst und zeigt einmal mehr, dass Luxus nicht zwangsläufig mit Dekadenz und Protz einhergehen muss: Die streng limitierten „objects trouvés“-Editionen seines Markenkonzeptes chvdh gefallen mir dabei mindestens so gut, wie seine selbstgestalteten Duft-Flakons. Anbei die Fortsetzung des Gesprächs für Horstson (Teil I gibt es hier zum Nachlesen)

Welche Rolle spielt überhaupt der Flakon für einen Duft?
Ganz früher gab es überhaupt keine Flakons. „Per fumum“ heißt aus dem Lateinischen übersetzt soviel wie „durch den Rauch“, Düfte waren damals eher als Räucherwaren bekannt. Irgendwann hat man Öl und Flüssigkeiten beigemischt und so benötigte man erste Behältnisse. Diese Form der Aufbewahrung hatte aber nur den Zweck, den Inhalt von Staub und Luft zu schützen. Das ist die eine Aufgabe eines Flakons, die sich bis heute erhalten hat. Die Entwicklung des heutigen Flakons hat sich erst um 1910 weitreichend verändert: Fortan wurden Flakons gezielt für einzelne Düfte entwickelt. Zuvor erfüllten sie den Zweck eines Einrichtungsgegenstandes, es gab eine Kammschale, Etuis, Puderdose und Flakons. Natürlich gab es auch schon Reisesets, Hermès hatte ein ganz elegantes Modell aus Leder und Sterlingsilber.

Vorreiter Frankreich?
Garantiert. Ganz früher, als es sich in der Antike noch um Rauchwaren gehandelt hat, sicherlich auch Ägypten, Griechenland und Syrien. Man darf nicht vergessen, dass die Franzosen lange Zeit die besten Künstler und Nasen hatten und gerade Südfrankreich für seine besonderen Duftessenzen noch heute bekannt ist.

Spannend, ich fühle mich wie im Geschichtsunterricht. Gibt es rückblickend einen Flakon, den du gerne entworfen hättest?
Naja, das ist eine schwierige Frage. (lacht) Wobei, in den 1930er Jahren gab es eine spannende Umsetzung: Eine Kooperation zwischen den Traditionshäusern Guerlain und Hermès. Das war einfach der Knaller und ich befürchte, dass es diese Art der Zusammenarbeit nie wieder geben wird, denn mittlerweile handelt es sich bei den beiden um konkurrierende Unternehmen.

Wie sah der Flakon aus?
Hermès hat einen ganz tollen Silberflakon gestalten lassen, der ursprünglich zum Reisen gedacht war. Der war ungemein praktisch und sah aus wie ein Ölfläschchen, nur viel luxuriöser angefertigt. Die Initialen der beiden Marken waren kaum sichtbar auf dem Flakon eingraviert und passten perfekt zum Rest der Umsetzung. So eine Zusammenarbeit hat es in den Folgejahren nie wieder gegeben und ich wäre damals gerne dabei gewesen.

Zurück in die Gegenwart: Welche Gefühle wecken deine fertigen Arbeiten in dir?
Generell habe ich eher ein ambivalentes Verhältnis zu meinen Arbeiten: Ich bin während des Schaffensprozesses mehr als versessen, das Beste aus dem Produkt rauszuholen. Ähnlich wie bei Kindern sehe ich sie heranwachsen und bin maßgeblich involviert, jedoch lasse ich sie irgendwann ziehen. Sie sind dann nicht verschwunden, sondern laufen vielmehr alleine durchs Leben.

Und lassen sich zur Not auch wiederfinden…
Stimmt, sie sind ja nicht weg. Prinzipiell sind sie dann erst einmal von zu Hause ausgezogen. Bei kleineren Auflagen tut es mir manchmal weh, dass die Produkte nicht mehr hergestellt werden. Ich hoffe dann insgeheim, dass meine Kinder nochmal zurückkommen. (lacht)

Die Metapher gefällt mir: Erzähle mir mehr davon!
Wir arbeiteten an einer streng limitierten Auflage für ein absolutes Premiumlabel, die nur während der Modewoche in Paris vorgestellt wurde. Anschließend wurde der Duft nicht mehr produziert. Die Auflage des Flakons war dermaßen limitiert, dass sie noch kleiner als die minimal herzustellende Marge war. Daher mussten alle zu viel hergestellten Flakons wieder eingeschmolzen werden.

Oh nein, bitte sag es nicht...
Leider doch. Die Übriggebliebenen wurden allesamt in einer Wanne eingeschmolzen. Insofern sind unglaublich viele Flakons vernichtet worden. Durch Zufall wussten wir auch, an welchem Tag sie eingeschmolzen wurden, das war kein schöner Tag.
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Bild: Atelier Christian von der Heide

Oh je, Themawechsel: Wie suchst du deine Projekte aus?
Es gibt immer genau zwei Geschichten: Entweder die Leute kommen auf einen zu oder man akquiriert selbst. Nun ist es so, dass jeder Mensch ein gewisses Umfeld hat, indem er sich aufhält. Ich tendiere dazu, alles und jeden zu hinterfragen. Mich interessieren die Geschichten und Werte meiner Partner. Zwischendurch kann es also auch vorkommen, dass uns Projekte für 8X4 angeboten werden. Für diese Individualität und Vielfalt von potentiellen Möglichkeiten bin ich sehr dankbar. Ich kann maßgeblich mitentscheiden, für wen und mit wem ich zusammenarbeite.

Und dich dazu entscheiden, einen limitierten Anhänger von einem Dosenöffner zu fertigen?
Als Designer wächst man irgendwann über Auftragsarbeiten hinaus und gestaltet gezielt eigene Ideen. Ich könnte natürlich sagen, ab sofort gibt es von mir zusätzlich Bettwäsche und Serviettenringe. Pierre Cardin ist da ein wunderbares Beispiel, er hat ab den 1970er Jahren von der Krawatte bis zum Schonbezug alle Märkte bedient und profitiert bis heute davon, dass sein Design zu dieser Zeit so populär war. Er hat mit dieser Art der Umsetzung sehr, sehr viel Geld verdient und dieser Schritt ist auch völlig legitim. Ich hingegen möchte nicht, dass jemand auf mich zukommt und mir anbietet, die Hundertste dekorative Kaffeekanne zu gestalten. Ich könnte mir eher vorstellen, die erste Kanne zu gestalten, die komplett nachhaltig hergestellt wurde.

Kein geringer Anspruch!
Mein Anspruch ist es, Menschen zu kitzeln statt nur zu bedienen. Die konsumorientierte Umsetzung passt daher weniger zu mir, deshalb auch die kleineren Auflagen. Bei mir muss es nicht dekorativ aussehen, das bloße „ hübsch, hübsch“ erfüllt mich nicht.

Perfekte Überleitung: „objects trouvés“, Alltagsgegenstände werden zu Kunst erhoben. Erzähle uns etwas über dein neuestes, gleichnamiges Projekt!
Schon als Kind habe ich alte und skurrile Sachen gesammelt, das war meine Passion. Komische Fundstücke haben einen ungeheuren Wert dargestellt. Keinesfalls einen materiellen, vielmehr einen ganz persönlichen Wert: Ich habe diese Sammlerstücke mit Erinnerungen und Gedanken verbunden. Ein ähnliches Gefühl verbinde ich heute mit Kunst, ich setze sie mit Werten gleich. Ich hoffe, dass ich mit „objects trouvés“ diese verborgenen Werte weitergeben kann. Bei diesem Projekt gibt es ja keinerlei Komponente, die plakativ nach außen gerichtet ist. Ich kann nur für mich persönlich diesen Wert ausmachen, das ist ein ziemlich intimer Prozess. Genau dieses Vorgehen möchte ich bei anderen Menschen anregen.

Ist deine Herangehensweise politisch motiviert?
Ganz sicher. Die gesellschaftliche Aussage meiner Arbeit ist erst einmal das Hinterfragen von Wertvorstellungen. In einem zweiten Schritt stellen sich mir die Fragen: Wie sehe ich einen Menschen, der sich mit günstigem, „großen“ Schmuck in der Öffentlichkeit zeigt? Wie sehe ich wiederum einen Menschen, der auf „Anti“-Schmuck zurückgreift? Dieses Ausdifferenzieren macht eine Art von Kommunikation deutlich. Eine Art von Gruppenzugehörigkeit, eine Art Spiel. Wollen wir das Spiel nicht neu beginnen statt ewig alten Bildern zu folgen?

Das bedarf immer auch einer Reflektion der Realität. Wer findet Zugang zu deinen Arbeiten? Lässt sich eine Zielgruppe ausmachen?
Prinzipiell kann sich gerne jeder mit meinen Arbeiten auseinandersetzen. Du hast es bereits angesprochen, es ist immer entscheidend, wer die Botschaft hinter meinen Arbeiten versteht. Man darf nicht vergessen, dass die „objects trouvés“-Reihe hochpreisig angesiedelt ist und schon der Fertigungsprozess immense Kosten verursacht.

Lass uns über die Zukunft sprechen: Wo würdest du gerne zeigen?
Es sollte ein Ort sein, der sowohl über potentielle Kunden als auch verständnisvolles Personal verfügt. Der Gedanke des Verständnisses bezieht sich hierbei auf die Wertevermittlung, die wir soeben angesprochen haben. Ich glaube, dass man mich zukünftig eher in einem New Yorker Hinterhof als im Kauf- und Warenhaus findet.

Und aktuell?
Momentan läuft es noch so, dass man mich am Besten persönlich kontaktiert. Das bietet sich vor allem aufgrund der umfangreichen Beratung an und vielleicht hat man auch noch Glück, seine Lieblingszahl zu erwischen.

Apropos, ich liebe deinen Online-Auftritt! Wer hat dir dabei unter die Arme gegriffen?
Meine Website? Die haben wir selber gestaltet. Da steckt mein Herzblut drin, egal ob Logo, Produkt oder Seitenaufbau. Wer mit uns zusammenarbeitet wird ordentlich gefordert, das ist dann ein richtiger Dialog. Mir ist ganz wichtig, dass ich weiß wo alles herkommt: Einfach die fertigen Produkte aus Indien zuschicken lassen? Fehlanzeige! Ich lasse hier in Hamburg, in einer der ältesten Schmieden der Stadt, meine Editionen anfertigen. Es gibt nichts Schöneres als meine Arbeiten wachsen zu sehen, das ist wahre Inspiration.

Abschlussfrage: Der schönste Moment deiner Karriere?
Naja, da gibt es viele. Diese Art von Momenten wird ja immer wieder überlagert von dem nächsten Moment. Eigentlich kann ich nicht diesen einen Moment festmachen, denn ganz ehrlich: Will ich mit Mitte Dreißig wissen, dass ich den schönsten Moment bereits hatte und es ab jetzt stetig bergab geht? Lieber nicht, da habe ich noch zu viele Jahre vor mir! (lacht)

Mehr Informationen unter
www.christianvonderheide.de
www.chvdh.de
Koppel 18a
20099 Hamburg
Phone: +49 (0) 40 66 87 37 38
mail@chvdh.de

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  • Monsieur_Didier
    15. November 2014 at 16:34

    …zweiter Teil eines wirklich tollen Interviews…
    schön, dass es so ausführlich ist…
    ich bin ganz begeistert…!