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Richtig oder falsch – mit den richtigen oder falschen Mitteln?

Ihr kennt uns ja schon als Modeblog ohne starre Themengrenzen, der immer wieder soziale Themen anfasst und das hier ist jetzt ein Geständnis: Schuld dran ist die Kombination aus eurem für soziale Themen sehr aufgeschlossenen Lieblingsblogger Horst, der überdies auch noch das Gras wachsen hört, und meiner Wenigkeit, meines Zeichens ähnlich wie Horst gestrickt und dann auch noch mit unheilbaren Weltverbesserer-Flausen links von der Mitte im Kopf. Und nun hat Horst mal wieder was gefunden, das ich als Frauenbeauftragte des Blogs als Hausaufgabe zu beschreiben habe.
Worum geht es hier eigentlich: You’ve got problems, Rebecca … Die aus den Niederlanden stammende Ärztin und Abtreibungs-Aktivistin, Rebecca Gomperts, und die von ihr gegründete Organisation Women on Waves, erwarten mächtige rechtliche Probleme und möglicherweise auch schwerwiegende Konsequenzen.

Man hatte, um der Sache des Rechtes auf Selbstbestimmung von Frauen über ihren Körper mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen und darauf hinzuweisen, dass selbst in europäischen Ländern wie dem katholischen Polen immer noch keine Legalisierung ärztlich kontrollierter Abtreibungen erfolgt ist, mit einigen Anzeigen in einer Kampagne nicht nur den Stil von Diesel kopiert, sondern mit der Domain www.dieselforwomen.com auch vorgegeben, der Absender der Kampagne sei Diesel. Genau genommen wird in der Kampagne für die Abtrei- bungspille Misoprostol gewor- ben, während man auf die Textilindustrie, aus der man Diesel willkürlich heraus gepickt hat, eindrischt. Ich habe erst mal zehn Minuten gebraucht und musste alle Texte lesen, um eins und eins richtig zusammen gezählt zu bekommen.
Die Texte behaupten nämlich einerseits etwas, das richtig ist: Dass Frauen bei der Herstellung von Textilien ausgenutzt und sehr schlecht behandelt werden. Vermischen das dann aber mit den unverhohlenen Werbetexten einer locker flapsigen Werbekampagne für das Abtreibungsmedikament Misoprostol …. das endlich dafür sorgt, dass auch Frauen in Ländern mit rigiden Gesetzen immer und jederzeit ohne Reue Sex haben könnten … so oft und mit wem sie wollten.

Bei den Texten musste ich mir erst mal die Augen reiben, weil ich es nicht glauben konnte, wie derart primitiv und falsch kommuniziert, eine hoch dekorierte Aktivistin, ihre an sich gute Sache, hier in den Sand setzt.
Was hat Diesel mit der Gesetzgebung in Polen, dem arabischen Raum oder sonst wo zu tun? Warum ausgerechnet Diesel? Welche Verbindung gibt es zwischen den schlechten Arbeitsbedingungen in der Textilindustrie der Dritten Welt und der Schwellenländer und den Gesetzen für ein Recht auf legalen Schwangerschaftsabbruch? Klar, das sind alles rhetorische Fragen, weil diese Kampagne ein Totalausfall ist, der das Kalkül verfolgt, durch ein aggressives virales Marketing und einen kalkulierten Skandal maximale Aufmerksamkeit für die Organisation Women on Waves zu bekommen.
Ob man mit Headlines wie ABORTION PILLS A GIFT FROM GOD oder der von Diesel geklauten Subline beziehungsweise dem Slogan, Misoprostol Abortions for a successful living, den Nerv des wichtigen Themas trifft, stelle ich klar in Abrede. Klar ist es gut, dass sich Hilfsorganisationen länderübergreifend um Frauen in dieser Notlage kümmern und für eine Änderung der Gesetze kämpfen, aber sicher nicht so.

Die Motive der Misoprostol Kampagne erwecken den Anschein, als sei es das Normalste der Welt, als moderne und aufgeklärte Frau des einundzwanzigsten Jahrhunderts zuerst ungewollt schwanger zu werden und dank Misoprostol oder einem operativen Schwangerschaftsabbuch durch Women in Waves, mit so etwas Ähnlichem wie diesen schicken Botox Parties in der Mittagspause, das kleine Übel wieder los werden zu können.
Um der Sache und den Frauen dieser Welt einen Dienst zu erweisen, wäre aber das genaue Gegenteil – auch und gerade – in der Kommunikation mit der Öffentlichkeit nötig. Misoprostol und manuelle Abtreibungen als reines Notprogramm darzustellen, das eben keine kleine Sache ist. So einfach und toll wie in Rebeccas Knaller-Kampagne, wenn man Studien und Dokumentationen Glauben schenkt, fühlt es sich nicht an für die Frauen, auf diese zum Glück vorhandenen Möglichkeiten zurück zu greifen.
Und da fehlt mir einfach die richtige Kommunikation mit den Frauen. Denen man ganz sicher auch damit helfen würde, darüber aufzuklären, dass es ja wohl eine mittlere Katastrophe ist, heute noch ungewollt schwanger zu werden. Ein Zeichen für himmelschreiende Dummheit und Verantwortungslosigkeit, auch sich selbst gegenüber.
Man kennt das ja auch von Alice Schwarzer: Aktivistinnen in Angelegenheiten von Frauenrechten, tun sich wahnsinnig schwer damit, den Frauen auch mal die Wahrheit mitten ins Gesicht zu sagen, dass es so nicht weitergehen kann. Und nein, ich bin nicht der Meinung, dass das auch eine Sache der Männer ist. Wenn nur ich als Frau schwanger werden kann und das nicht will, dann habe ich mich darum zu kümmern, dass ich kein Fall für Rebecca Gomperts und Women on Waves werde.
Und das kann schon wegen der Schule, die so etwas machen könnte, nicht so hingenommen werden, dass Marken wie Diesel oder wer auch immer da als Attraction Getter unschuldig zum Handkuss kommen. Mich macht das richtig zornig, dass man für diese Botschaft die gequälten Textilarbeiterinnern noch mal benutzt und demütigt, obwohl es um ein Medikament geht.
Wäre interessant, zu erfahren, inwieweit sich der Hersteller von Misoprostol an den Marketingkosten der Aktivistin Rebecca Gomperts beteiligt hat…

So, nun seid aber ihr an der Reihe … findet ihr diese Aktion richtig oder falsch – mit den richtigen oder falschen Mitteln umgesetzt?

Quelle: www.dieselforwomen.com

  • Sue
    8. Februar 2012 at 09:35

    absolut Panne die Aktion! Konnte meinen Augen diese Woche gar nicht trauen!

  • Jana Goldberg
    8. Februar 2012 at 10:07

    Ganz schön erklärungsbedürftig und auch deswegen schlecht die Kampagne. Mit der Dritten Welt habe ich gar nicht verstanden. Aber das Thema ist doch sehr kontrovers. Recht auf Abtreibung – ja, aber hier wird Misoprostol ja quasi als Verhüttungmittel kommuniziert.

  • Milli
    8. Februar 2012 at 10:34

    Puuh. Ich wollte diesen Post nur kurz lesen. Ging aber nicht. Zum einen, weil es mich erschüttert wie unpassend diese Parodie gewählt ist (zu den Arbeitsbedingungen bei Diesel kann ich nichts sagen, aber so oder so ist diese Fun-Sex-Abtreibungs-easy-fucking-menschenverachtende-Arbeitsbedingungen-Religions-Provokations-Hatung meiner Meinung nach absolut geschmacklos und wenig zielführend, weil fehlkommuniziert), zum anderen wollte ich zumindest ein wenig mehr darüber wissen.
    Und jetzt – um etwas mehr Info von Orga-Seite und Co. reicher – sitze ich hier und bin mir nicht mehr sicher, ob man die Idee dahinter NUR verteufeln soll. Frauen können heute verhüten. Abtreibung ist das letzte Mittel. Ja. Sehe ich absolut genauso!
    Was aber, wenn eine Frau vergewaltigt wird und in einem Land lebt, in dem Abtreibung verboten ist? Was wenn sie verzweifelt Methoden anwendet, die ihr Leben kosten?
    Eine Abtreibungspille ist kein Smartie, das man mal eben einwirft, weil man eine ach so geile Orgie gefeiert hat – was die Kampagne auf den ersten Blick zu suggerieren scheint.
    Sie rettet im Ernstfall Leben. Sie hilft entrechteten Frauen andererseits aber auch nur, den status quo zu halten. Raus aus der Misere, etwa wie hier den furchtbaren Arbeitsbedingungen der Fashionindustrie, kommen sie dadurch nicht. Vielleicht aber an Organisationen, die mit Aufklärung und Bildung helfen können.
    Schade, dass die Kampagne ein solches Thema so absurd aufgreift.
    Richtig oder falsch mit den richtigen oder falschen Mitteln – dickes ? trifft es für mich gut.

  • siegmarberlin
    8. Februar 2012 at 11:38

    Jede Werbe- Kampagne in der ein Medikament als quasi harmloses Mittelchen dargestellt wird, gehört meines Erachtens verboten. Misoprostol zu verwenden ist sicherlich nicht gesundheitsfördernd und sollte die absolute Ausnahme sein. Wie Jana schon bemerkt, kommt das Mittel fast als Verhütungsmittel an. Diese ganze Kampagne ist übel und ein Slogan wie “ Abortion Pills a gift from God “ treibt mir die Nackenhaare hoch. Ich hoffe das die frauen diese Geschichte komplett ablehnen.

  • Kath.
    8. Februar 2012 at 13:48

    Ups, da ist ja was komplett an mir vorbeigegangen! Ich bin jederzeit bereit, für das Recht jeder Frau auf Abtreibung zu kämpfen, aber „Abortions for successful living“ ist ja wohl ein schlechter Scherz! Und ein Schlag ins Gesicht jeder Frau, die schonmal eine so schwere Entscheidung zu treffen hatte.
    Fazit: falsch, und mit den falschen Mitteln noch dazu.
    Danke für diesen Beitrag!

  • Daisydora
    9. Februar 2012 at 08:59

    @alle

    Ganz herzlichen Dank für euer sehr differenziertes und reflektiertes Feedback. Wir sind sehr froh, dank unseren guten Lesern auch über solche Themen berichten zu können und ein klares Meinungsbild aus den Kommentaren herauslesen zu können.

  • Horstson » Blog Archiv » Die Woche auf Horstson
    12. Februar 2012 at 11:44

    […] mal der eigene Ehemann wieder erkennen würde. 5) Am Mittwoch berichtete Daisydora über eine Kampagne der Abtreibungs-Pille “Misoprostol”, deren Fotos extrem dem Stil vom Label Diesel entsprechen. Das wird Ärger geben. 6) Am Montag […]