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High Fashion Hype oder wer kauft das bitte alles?

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Anna Dello Russo und Brianboy at Louis Vuitton; Bild: style.com

Dieses Bild lügt nicht: Der Marathon der Prêt à porter (hier Paris bei Louis Vuitton) hinterlässt seine Spuren. Selbst die High Fashion Maniacs Anna Dello Russo und Brian Boy wirken leicht abgekämpft … Mich würde mal interessieren, ob Suzy Menkes oder Anna Wintour noch alle Namen zusammen bekämen?
Es sind genau 387 Kollektionen, die man bei style.com unter dem Menüpunkt „Fashion Shows“ … „Spring 2014 Ready To Wear“ (das ist nur die Womenswear) findet. Da sind neben den handverlesenen Luxuslabels wie Chanel, Christian Dior, Hermès, Tom Ford, Louis Vuitton, Prada, Valentino, Giorgio Armani, Gucci, Thom Browne, Saint Laurent, Lanvin und nur zum Beispiel den Japanern dann natürlich ganz viele der großen High Fashion Marken wie Calvin Klein und Kollegen zu finden, bevor es sich in der Unübersichtlichkeit von Designerlabels, von denen man schon mal gehört hat, die man namentlich kennt aber auch wieder nicht so gut kennt, total verliert.
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Thom Browne Spring 2014 Ready-to-Wear; Bild: style.com

Wer hat da noch den Überblick über die kreative DNS dieser Marken? Es heißt doch, jeder Designer hat so seine Handschrift und ich mache mich hier mit grafologischem Eifer daran, herauszufinden, wie Einkäufer von Klamottenläden und den edlen High-Fashion Department Stores, bei so viel Auswahl noch die Kurve bekommen.
Da höre ich schon einige sagen: Mit Präferenzbildung, klar, muss ja auch sein, sonst klappt das gar nicht. Aber kann man so viele Designer und deren Kollektionen wirklich noch so gut kennen, um zu wissen, dass man bei einem anderen Anbieter gerade etwas versäumt … oder sind das für das menschliche Gehirn und seine endlichen Möglichkeiten nicht an sich schon viel zu viele? Und sind die alle wirklich gut genug, um Peter später mal als Cutting-Kandidaten aufzufallen?
Und, eine Frage habe ich noch: Wie viele Kollektions-Präsentationen schauen sich Einkäufer richtig guter Häuser pro Saison an … und wie viel Showroomtermine kommen dann noch dazu, um das perfekte Sortiment für die Saison für all die Bergdorf Goodmans rund um den Erdball ordern zu können?
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Junya Watanabe Spring 2014 Ready-to-Wear; Bild: style.com

Einige von euch haben sicher mittwochs die erste Folge von Fashion Hero gesehen. Während ich geguckt habe, in erster Linie wegen Claudia Schiffer aber natürlich wollte ich auch die „Designertalente“ sehen, da gingen mir seltsamerweise genau diese Fragen durch den Kopf. Sind die denn wirklich gut genug und wie viele „Designer“ verträgt die westliche Welt? Und wird das Einkaufsverhalten der Chefeinkäufer in Fashion Hero realistisch abgebildet?

Woher kennen Designer ihren Markt und wie finden die Key Management Buyers mit den richtigen Marken zusammen? Überwiegend durch Zufall, das ist mein Ernst. Und der Presse sowie Onlinemedien kommt hier auch große Bedeutung bei, weil das Direktmarketing der Labels zu wünschen übrig lässt. Klar werden die wichtigsten Einkäufer der branchenweiten High-Class Shops und Designerkaufhäuser zu den Schauen eingeladen und auf Händen getragen, aber eine systematische Marktbearbeitung kenne ich nur von wenigen Labels.

Im Ergebnis ist es so, dass nur ein Teil, ich schätze etwas mehr als die Hälfte der in Schauen und großen Showrooms präsentierenden 387 Labels, die man bei style.com findet, wirklich schon auf wirtschaftlich absolut sicheren Füßen steht. Gute Mode zu machen ist teuer. Der Vorlauf ist lange, wir hatten hier schon einige Male darüber berichtet und Raf Simons, der ja nun wirklich mit der Unterstützung der Presse, der Hochglanzmagazin-Branche und der Finanziers rechnen kann, sagte unlängst: „Die Zeiten sind vorüber, in denen man ohne Konzern oder professionelles Management und eine solide Finanzierung im Rücken, ein neues Label gründen und auf den Markt bringen kann.“ Was er ausdrücklich auch auf sich bezog, als er von der GQ nach einer Raf Simons Womenswear gefragt wurde. Lesen die Teilnehmer bei Fashion Hero und die an der Mercedes Benz Fashion Week Berlin so was nicht? Haben sie nie davon gehört, dass einer der Marken-Darlings der deutschen Opinion Leader, Strenesse, im Moment ganz schön zu kämpfen hat? Wundern sich die von sich so überzeugten Designer nicht, wie Wolfgang Joop und Wunderkind zwischendurch straucheln konnten … obwohl man so gut und erfahren wie Joop erst mal sein muss. Das sollte den ambitionierten Neo-Kreateuren jedenfalls Warnung und Ansporn sein, die Dinge realistisch zu bewerten und von Beginn an professionell anzugehen.
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Thom Browne Spring 2014 Ready-to-Wear; Bild: style.com

Es ist besser, frühzeitig, jedenfalls noch vor der heillosen Verschuldung festzustellen, dass es sich dann lohnt, Kollektionen zu gestalten und mit Runway Shows der Öffentlichkeit vorzustellen, wenn man gute Chancen hat, Finanziers, Business Angels oder Partner aus der Branche zu finden, die sich um das Management, sprich den Vertrieb, die Logistik!!!!, das Marketing und die Vorfinanzierung kümmern.
Andernfalls ist es aus meiner Sicht besser, sein Talent, das handwerkliche Können und die Leidenschaft für Mode in einen eigenen Laden, der als Atelier mit Verkauf geführt wird, zu stecken. Das ist doch auch schön und ernährt schon heute viele Jungdesigner.
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Junya Watanabe Spring 2014 Ready-to-Wear; Bild: style.com

In Summe haben wir heute zu viele Labels, die Auswahl ist unübersichtlich und macht es unmöglich, dass bei unbekannteren Labels, Einkäufer und Angebot zeitnah oder überhaupt zusammen finden. Das zwingt auch die bekannten Marken dazu, den Verlust von Kunden und Marktanteilen mit schrägen Modellen in den Schauen, mit denen man im Gespräch bleibt, weil sich die Presse drauf stürzt, hintan zu halten. Als ich in den Neunzigern erstmalig in die Branche reingeschnuppert habe, waren das schätzungsweise hundert oder einhundertdreissig Labels und man kannte die Namen, wusste immer, wer da Chefkreativer ist.

Wohl dem, der seine eigenen Maisons und Flagshipstores führt und immer gefunden wird! Die Entscheidungen fallen ja immer noch mehrheitlich am Point Of Sale, auch wenn der Onlinehandel große Zuwächse verzeichnet, weil er eine Markenvielfalt bietet, bei der kein Designerkaufhaus mitkommt. Frauen und Männer gehen durch die Einkaufsstraßen der Großstädte und finden dort alles, nur keine halbwegs gute Auswahl der 387 Labels bei style.com … Mode ist auch ein Business für Logistikweltmeister. Das sollte den Neo-Kreateuren bei Fashion Hero zu denken geben.

Aber, um das hier nicht zu einem Abgesang auf die Vielfalt an High-Fashion Marken und Designerlabels verkommen zu lassen: ich bin froh – was sage ich, richtig glücklich bin ich über kreative Rundumschläge wie die von Thom Browne und Junya Watanbe … und deren begabten Kollegen. Ohne diese Bilder der modischen Fantasien von Könnern wäre die Mode um vieles ärmer!

Was sagt ihr dazu, liebe LeserInnen?

Wer von den Horstsonians ist Einkäufer oder entscheidet über die Wahl von Labels im Handel? Wie macht ihr das, liebe Key Management Buyer? Macht uns da bitte schlau, dann gehören wir zu den wenigen Leuten, die beim Gucken von Fashion Hero und Project Runway wissen, wie viel Wahrheit und Deutung im Gezeigten stecken.

  • Martin
    13. Oktober 2013 at 21:43

    Die Vielfalt der Kollektionen ist wirklich unfassbar. Ich denke das es lange dauert bis sich Buyer trauen Kollektionen von bisher relativ unbekannten Designern in ihr Portfolio zu holen. Ab einer bestimmten Presirange haben die großen Kaufhäuser Angst auf das falsche Pferd zu setzen. Ich finde es bereichernd das es all diese Designtalente gibt und hoffe das viele den Sprung auf eine solide Finanzbasis schaffen.

  • Siegmar
    14. Oktober 2013 at 11:49

    Ich denke ein Thema das man nicht auflösen kann, da viele Angst haben “ auf´s falsche Pferd zu setzen “ und nichts neues wagen. Ich sehe das bei Hien Li der eine tolle Kollektion macht, aber beu den wichtigen Einkäufern kaum Beachtung findet.

    Die 2 „Gestalten“ im Header kann ich einfach nicht mehr sehen.

  • Daisydora
    14. Oktober 2013 at 12:00

    @Martin

    In der Tat. Man kauft ja mit einer Marke auch ein Stückchen der Illusion vom Image und der Zugehörigkeit zu einer Modekaste … und das bedeutet, dass man sich in den bekannten Luxusmarken mit maximaler Strahlkraft schon aus diesem Grund einfach besser fühlt … Aus Verbrauchersicht gebe ich Dir aber recht.

    @Siegmar

    Wahrscheinlich stimmt das. Ich habe schon so viele tolle Designer (Sybilla, Rifat Ozbek, Romeo Gigli, Isaak Mizrahi und so weiter … und so weiter … kometenhaft aufsteigen und dann wieder untergehen sehen … und das waren zu ihrer Zeit Darlings der Hochglanzmagazine und der Fachpresse. Wie soll unter diesen Voraussetzungen ein guter Designer aus Deutschland den Durchbruch schaffen … zumal das hier ja auch nicht adäquat gefördert wird.

    Das mit den 2 Gestalten kann ich gut verstehen 😉 … wir haben uns aber gerade deshalb dafür entschieden, weil diese Vorzeigepersönlichkeiten symptomatisch für Mode als Glizz-Business mit mehr Schein als Sein sind.

  • Wolfram
    14. Oktober 2013 at 22:41

    Es gibt keine Läden mehr, deren InhaberInnen etwas wagen. Wer
    kann sich den in den Hauptlagen der deutschen Innenstädte noch einen Laden leisten? Hier Frankfurt auf der Zeil fangen die qm-Preise ab 240€ an, auch die sogenannten 1b-Lagen sind nicht wesentlich billiger, da hat man schnell mal bei einen 200qm Laden, was ja nicht wirklich groß ist 48.000€ Miete am
    Hals, also kann ich gar nicht Risiko gehen, sondern versuche vom
    Mainstream nach was abzubekommen. Selbstverständlich gibt es Ausnahmen wie 59buyHeidt hier Frankfurt, Jutta Heidt hat aber diesen Laden im Frankfurter Westend über 25 Jahre schon aufgebaut, die anderen Kreativen sind nach und nach vertrieben worden, weil sie Mieten nicht mehr zahlen konnten, um dem nächsten H&M zu weichen. Freunde von mir fingen Mitte/ende der 80ziger mit den“ Antwerpen six“, sehr erfolgreich, an,dann kamen die Einkäufer der Ketten wie Annas( wer kennt das heute noch) die schnell erkannten, was da für ein Potential drinsteckte und schwups plazierten sie die wesentlich größeren Aufträge, weil ja mehr Läden zu bestücken waren und meine Freunde hatten das Nachsehen. Dies van Noten Ade. Langsam sehe ich ein paar Hoffnungsschimmer, weil gerade direkt hinter der Zeil an Laden aufgemacht hat „the Listener“ der andere Kollektionen anbietet, als die üblichen Verdächtigen und meines Erachtens ein sehr modernes Konzept hat. Ich drücke den Leuten alle Daumen

  • Daisydora
    15. Oktober 2013 at 12:56

    @Wolfram

    Dieser wichtige Aspekt ist in meinem Bericht nicht angesprochen worden, der ist aber sehr zutreffend und interessant. Diese Entwicklung ist insbesondere in Deutschland und den Großstädten ein Problem, weil es einfach viel zu wenig sichere Kunden für diese High-Fashion Läden gibt. So was wie Eickhoff und Tersa und ähnliches, erst recht Departments Stores wie das Quartier 206 und so weiter gibt es ein, zwei oder höchstens drei Mal pro Großstadt und dann wird das Eis dünn. Deine guten Beispiele stimmen da nicht gerade zuversichtlich. Aber Deutschland ist nun mal kein Land mit großem Modebewusstsein. Klar gibt es Kunden für die Luxusmarken, die Maisons und Flagshipstores laufen ganz ordentlich, aber viele Leute, die großartige Mode kaufen könnten, kaufen was konservatives, oder gar langweiliges oder hüllen sich in Kaschmir und britischen Landadelschic und nicht in tolle Labels. Und Hamburg ist da auch ein mittleres Katastrophengebiet, wenn wir schon dabei sind.

    Ich wünsche den Leuten auch das Allerbeste und uns allen, dass sich auf dem Gebiet hier in Deutschland, das rein vermögenstechnisch immer reicher wird, auch modisch was tut.

    Und Danke für Deinen tollen Beitrag! 🙂

  • Wolfram
    16. Oktober 2013 at 10:09

    Die High Fashion Labels ballen sich in den sogenannten Luxusmeilen zusammen, Maximilianstr.,KuDamm, Goethestr.Auch dort sind die Mieten schwindelerregend, die Kreativen, Neuen bleiben außen vor. Eine Ghettoisierung der Luxusmarken, drinnen sind die, die es sich leisten können, draußen drücken sich, die, die es sich nicht leisten können, die
    Nasen an den Fenster platt und sind schockiert, das eine Chanel-Jacke 4000-5000€ kostet, weil sie die ja von H&M kennen, was für ein handwerklicher Aufwand darin steckt interessiert nicht, Originalkommentar: “ das wird auch in Bangladesh produziert und nur in Europa die Labels eingenäht“. Fällt mir immer der
    Joghurt-Test mit frischen Erdbeeren und künstlich aromatisiert ein, den Kindern schmeckte der künstliche besser, weil sie es ja nicht besser kennen, da findet seltsamerweise eine Verdrehung statt, als sei H&M das Original und Chanel z.B. der Kopist

  • Wolfram
    16. Oktober 2013 at 10:16

    @ daisydora

    wir geben die Hoffnung nicht auf, es kann nur besser werden
    dank z.B. Deinen Beiträgen und anderer Mitstreiter

  • Daisydora
    16. Oktober 2013 at 10:48

    @Wolfram

    Genau … Aber es wäre schön, wenn die Presse, Blogs und andere Medien mehr für die Modeidentität der Deutschen tun würden … den Menschen Lust darauf machten, sich mal so was wie Stil zuzulegen 😉

  • monsieur_didier
    16. Oktober 2013 at 11:00

    …erschwerend kommt hinzu, dass die meisten Menschen heutzutage keinen Mut und keine Lust mehr darauf haben, „anders“ zu sein, Mode zu wagen, ihren eigenen Weg zu gehen…

    und sie geben so viel Geld für Mode aus, dass bitte auch jeder direkt sehen soll, von welcher Marke das ist, damit das Gegenüber direkt erkennen kann, in welcher Liga die oder der Träger spielt…
    ich bin davon überzeugt, dass sie nicht so viel Geld ausgeben würden, wenn es eine eher unbekannte Marke oder Hersteller sind…

    das finde ich sehr traurig…

  • Daisydora
    17. Oktober 2013 at 09:40

    @Monsieur_Didier

    Wie wahr! Das kann man unter anderem jeden Tag an den Tagesoutfits von Bloggern nachvollziehen und auf der Strasse trifft man auch auf ein Heer von Uniformierten … und Fashion Victims aller Klassen. Aber als Fachmann weisst Du auch, dass Mode und Stil nicht zu den Identität stiftenden Kulturgütern Deutschlands gehören … was ja in Frankreich und Italen genau umgekehrt ist … 🙂

  • 42 KW, Mode, Spende, Mixed Pickles
    20. Oktober 2013 at 10:14

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  • No Return On Investment … das Modebusiness als Geldvernichtungsmaschine | Horstson
    22. März 2014 at 11:21

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