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Was ich ganz sicher nie machen werde … eine Kreuzfahrt

Mit dem Ende der Titanic hat das bei mir nichts zu tun.
Obwohl ich naturgemäß an plötzlich auftauchende Freak Waves und Karwenzmänner glaube, die ja heute die vergleichsweise sichere und hochtechnisierte Branche und ihre immer mehr werdenden Fans noch immer mit einem gewissen Abenteuerfaktor und großem Nervenkitzel bei unruhiger See versorgen.

Mir reichten ein paar Dokumentationen von Kreuzfahrten und – noch viel wichtiger – David Foster Wallace Buch “Schrecklich amüsant – aber in Zukunft bitte ohne mich”. Das hatte ich mit großem Vergnügen gelesen und darin konnte ich alles erfahren, was ich bei einer Kreuzfahrt wohl ganz genauso empfinden würde, wie der Autor. Beispielsweise den Terror der fürsorglichen Entmündigung – es gibt auf dem Kreuzfahrtschiff immer jemand, der alles für einen vorplant, oder einfach nur zu viele Vorschläge und Möglichkeiten anbietet. Mit dem Zuviel habe ich an sich Probleme. Zu viel vom nicht richtigen Unterhaltungsprogramm, zu viel Essen, in zu vielen Restaurants. Auf der Queen Mary 2 erstreckt sich zum Beispiel das Britannia Restaurant über zwei Decks. Brauche ich diesen Eindruck für mein Glück. Nein. Das ist mir alles zu aufwendig und groß, verschwendet Ressourcen, tut der Umwelt in Summe nicht gut. Ein Kreuzfahrtschiff ist so ein künstlicher Luxuskosmos, aber für mich eben von der kleinkarierten Art. Jedenfalls habe ich noch keines gesehen, in dem es auch nur ein Restaurant gegeben hätte, das mit dem, was man sonst in den Städten oder auf dem platten Land bestaunen kann, mithalten könnte. Hauptsache viel Hummer & Caviar, man gönnt sich ja sonst im Jahr schließlich (fast) nichts.

Mir kommt das so vor, als ob der typische Kreuzfahrt-Tourist auf der Jagd nach wohlportionierten Luxushäppchen sei. Mal schiebt er sich eine Gänseleberpraline in den Mund und beim Landausflug reichen dann drei Stunden, um das im Schnelldurchlauf zu besichtigen, was man in Wochen nicht genau erkunden kann.

Aber für das Namedropping daheim reicht es allemal. Und das für Jahre oder zumindest bis zur nächsten Kreuzfahrt.

Mit den richtigen Kreuzfahrten kann man Freunde und Kollegen beindrucken. Erst recht, wenn die Passage und das Kreuzfahrtschiff so sehr mit Bildern von Luxus angereichert sind, wie die Atlantikpassage Hamburg New York – auf der Queen Mary II. Und genau dieses Kreuzfahrtjuwel, als ZEIT Reisen Beilage aus der aktuellen Zeit herausgefallen, brachte mich nun dazu, über mehr als nur das Schiff, seine Gäste, das Essen und meine Angst, auf so einem Schiff zufällig Harald Glööckler und Andreas Pauly mitsamt Kundinnen und deren Anhang zu begegnen, nachzudenken.

Manchmal scheint es gerade das exklusive Rahmenprogramm zu sein, mit dem man eine neue, zahlungskräftige und auf das richtige Prestige bedachte Klientel locken will. Denn, da staunte ich nicht schlecht, als ich da schon in der Subline auf dem Cover und auf Seite 2 lesen durfte, dass diese Passage in Gesellschaft des ZEIT Herausgebers  Dr. Josef Joffe und des ZEIT US Korrespondenten  Martin Klingst, der sonst aus Washington berichtet, stattfinden wird. Bei der Bennenung der beiden Kreuzfahrt-Mitreisenden sollte es aber nicht bleiben.

Rasch kommt das Team von ZEIT Reisen zum Punkt: Während der Passage geben die Herren den Mitreisenden in Vorträgen und persönlichen Gesprächen Gelegenheit, sich über “Die transatlantischen Beziehungen, das Verhältnis zwischen den Deutschen und den Amerikanern vor dem Hintergrund eines wandelnden weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Koordinatensystems” schlau zu machen.

Au weia, der Herausgeber der ZEIT wirbt mit seinem Wissen zum Thema für Vorträge auf der Queen Mary II, die nur dazu dienen, dass deren Veranstalter, die Cunard Line, diese Kreuzfahrt besser an den Mann und die Frau bringen kann. Gehört das heute schon zum klassischen Zeitungsgeschäft dazu, dass alle Mann in der Verkaufsförderung an die vorderste Front müssen?

Diese Frage muss gestellt werden dürfen, da in dieser Beilage zur Zeit mit keinem Wort erwähnt wird, dass es sich bei dem gesamten Text ausschließlich um (hoffentlich richtig teuer verkaufte) PR für diese eine Passage der Cunard Line und deren Queen Mary II handelt. Die Rückseite der Beilage trägt eine Anzeige des Kreuzfahrt-Anbieters, aber der Text im Inneren ist keine Reisebeschreibung, aus abstraktem journalistischem Blickwinkel geschrieben, sondern ein blumiges Geschwurbel zu den Locations (das Gym, die Decks, Restaurants, allen voran das Britannia, die Bibliothek …), den Farben, die der Atlantik je nach Wetter hat, dem Essen, etc… Mit dem Tenor und der Tonalität der Texte, die man sonst in der ZEIT findet, hat diese Promo-Sause, die hier abgefeiert wird, nichts zu tun.
Das Ganze beschäftigt in Zeiten der Einstellung von Zeitungen und Magazinen doppelt und dreifach. Muss man das heute als Herausgeber etwa schon in Kauf nehmen, um mit einer ZEIT-Reisen-Beilage, die streng genommen acht Seiten Werbung für die Atlantikpassage der Cunard Line mit der Queen Mary II umfasst, eine Qualitätszeitung wie die ZEIT solide finanziert zu bekommen?
Wenn ja, wo soll das noch hinführen oder enden: Entdecken sie mit Dr. Mathias Döpfner die gefährlichsten Gletscherspalten des Perrito Moreno … springen sie mit Kai Diekmann am Bungeeseil von der Krone der Verzaska Staumauer …

Oh nein, bitte nicht. In meiner Vorstellung von Journalismus muss es möglich sein, dass der Herausgeber und der US Korrespondent einer guten Zeitung wie alle anderen Kreuzfahrtgäste relativ anonym die Passage geniessen können. Ohne Extrajob, der nur der Verkaufsförderung für den Reiseveranstalter dient.

Hier vermischen sich Dinge, die man besser getrennt halten sollte. Ansonsten müsste man bei sowas auch darüber nachdenken, ob beide Herren dafür ihren Urlaub verwenden, ob die Reise bezahlt werden muss, ob man an den sieben Tagen, falls es sich um Arbeitszeit handeln sollte, nichts Wichtigeres zu tun hat, ob auch jemand von der Abo-Abteilung und dem Anzeigenverkauf mit auf dem Schiff sein wird … und, ob es etwa Eitelkeit ist, vor ganz sicher gut gekleideten Herrschaften zum Thema (mit oder ohne Honorar) Schlaumeiern zu wollen …. ob das wirklich die Aufgabe von Journalisten ist …. und, ob es nicht einfach besser wäre, acht Seiten Werbung 4C, gerne auch in einer teuren Beilage, zu verkaufen. Daran erkennt der Leser dann gleich auf den ersten Blick, woran er ist.

Auch wenn der Trend dahin geht, dass Zeitungsverlage mit Online-Geschäft das immer stärker einbrechechende Anzeigengeschäft und die Auflagenrückgänge ihrer gedruckten Ausgaben ausgleichen, sollte man dabei der Glaubwürdigkeit wegen, etwas weniger durchschaubar agieren. Bitte!

Zurück zur Mode: Mir stehen die Klamaotten auch gar nicht, die man auf Kreuzfahrtschiffen für gewöhnlich trägt. Diese typischen Cruise Collections machen doch irgendwie alt, oder?

Was sagt ihr denn dazu, lieber LeserInnen? Ist das die Aufregung nicht wert, oder langt die ZEIT mit dieser offensichtilichen Verkaufsförderung auch fürch euch etwas daneben?

Auf jeden Fall, lest vor eurer ersten oder nächsten Kreuzfahrt das Buch von David Foster Wallace, wirklich sehr amüsant …. wenn ich genau darüber nachdenke, wäre es doch toll, auf so einer Kreuzfahrt endlich einen der passenden Koffer von Louis Vuitton zum würdevollen Einsatz bringen zu können …

Und hier gibt es für unverbesserliche Queen Mary II Fans vier Teile einer Doku, die auf ARTE lief:

  • PeterKempe
    9. Dezember 2012 at 19:07

    David Foster Wallace hab ich vor einigen Jahren gelesen und es war nur eine Bestätigung.Was eine Kreuzfahrt mit Luxus zu tun hat war mir noch nie klar.Es ist als wurde man tagelang in eine Kneipe eingeschlossen werden und das große fressen stattfinden lassen.vor allem hab ich noch nie die tollen Leute gesehen die da angeblich ein sollen.der altersdurchschnitt der bei scheintot liegt wird bei den so genannten jüngeren Schiffen durch Provinz Spießer ausgeglichen.Leute die reines Außen Entertainment brauchen können keine inspirierende Gesellschaft sein.Ich werde wie du nie eine Kreuzfahrt machen…Super Artikel Daisy,danke.

  • Monsieur_Didier
    9. Dezember 2012 at 22:20

    …“Schrecklich amüsant – aber in Zukunft bitte ohne mich” ist eins der wenigen Bücher, bei dem ich laut lachen mußte als ich es las…

    …aber „Love Boat“ seh ich immer noch total gerne 😀
    „…at the Love Boat…“…*träller*

  • Siegmar
    10. Dezember 2012 at 11:54

    ich hatte vor einigen Jahren auch mal mit den Gedanken gespielt eine Kreuzfahrt zu erleben und hatte mich für eine 7-tätige Nilkreuzfahrt entschlossen, leider gab es das Buch von Mr. Foster Wallace noch nicht. Es war leider nicht so wie in Agatha Christies “ Tod auf auf dem Nil “ mit all diesen gutgekleideten Menschen und ganz wunderbaren Ausflügen, es war das Gegenteil, in der regel völlig an der Kultur uninteressierte Menschen, die auch mal bei Ägyptens Königen vorbeischauen wollten, möglichst in 10 Minuten abgehandelt und nicht verstanden warum sie für Landgänge auch noch bezahlen müssen.

  • Daisydora
    10. Dezember 2012 at 15:34

    @Siegmar

    Ich verstehe. Das hat man mitunter davon, wenn man so reisebegeistert wie du ist. Nein, ganz im Ernst, so eine Nilkreuzfahrt mit dem Hauch von Agatha Christie hätte mich eventuell auch angesprochen, aber ich habe das Publikum schon in zu vielen Dokus gesehen … Cunard wirbt im Katalog mit Promis wie Rainer Calmund, Tine Wittler und Reinhard Hoecker als mögliche Mitreisende …. die trauen sich wenigstens was 😉

    @Monsieur Didier

    Ging mir auch so, hab es aber erst relativ spät gelesen, nachdem Harald Schmidt den Tipp gab … 🙂

    @Peter

    Dankeschön …. eigentlich schade, dass man das Flair, das Chanel in seiner Cruise Kollektion einfängt, dann wahrschinlich nirgends wiederfindet …

    Bei ca. 3.000 Reisenden pro Kreuzfahrt bleibt das leider auf der Strecke…. 🙂

  • PeterKempe
    10. Dezember 2012 at 21:50

    @ daisydora
    Wenn es man nur 3000 waren .im letzten jahr waren wir in Monaco und als das Schiff anlegte war es als wenn es die Stadt auffraß…in Venedig schwabbt die Lagune über wenn die kommen und es sieht aus als wenn die Stadt untergeht….. Da ist ammagedon Flair….