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Coutureske Häutungen … Let’s Do It Yourself?

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Bilder: style.com

… manches aus dem Pariser Olymp der höchsten Schneiderkunst sieht auf den ersten Blick jedenfalls danach aus. Weil Anna Dello Russo selten dabei erwischt wurde, so entgeistert auf die potentiellen New Ins in ihrem Kleiderfundus zu schauen … und das neben Renzo Rosso, mit diesem: „wer-zahlt,-schafft-nicht-an-Blick“ und Carine Roitfeld, ganz um Fassung bemüht … musste ich das Beweisbild von der Frontrow der Maison Martin Margiela-Couture-Show Spring-Summer 2014 unbedingt zeigen.
Mich treibt die Neugier darauf, wohin sich die Haute Couture gerade entwickelt. Es wird nicht nur auf Horstson besprochen und kommentiert, was mit freiem Auge nicht mehr zu übersehen ist: das Marketing hat von der Couture voll Besitz ergriffen!
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Maison Martin Margiela Artisanal AW13; Bilder Maison Martin Margiela
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Maison Martin Margiela Artisanal AW13; Bilder Maison Martin Margiela

Schon anlässlich der MMM-Vorgängershow, mit diesen nicht vernähten Latexteilen, den seltsamen Tüllmäntelchen mit Omas blumigen und kunterbunten Hutgarnituren vom Speicher dekoriert, wollte ich dazu schreiben. Da wusste ich nicht, dass sich mein leiser Verdacht, mit einigen der aktuellen Couture-Kollektionen, vollends bestätigen könnte.
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Viktor&Rolf Haute Couture Spring/Summer 2014; Bilder: © 2014 TEAM PETER STIGTER

Wer Viktor&Rolf frisch und fröhlich das neue Parfum „Bonbon“ mit einer wohl eher nicht ernst gemeinten Couture-Kollektion aus 21 Tanzkleidchen, aus Latex und Stretch, mit schwarzen Schleifchen bedruckt, die auch das Parfum „Bonbon“ zieren werden, promoten hat sehen, der weiß, die modernen Zeiten haben auch die Haute Couture erfasst. Mich wundert nur, was die gestrenge Fédération Française de la Couture du Prêt-à-Porter des Couturiers et des Créateurs de Mode, das Chambre Syndicale, zu diesen neuen Kapriolen der Couturiers sagt.
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Maison Martin Margiela Artisanal SS14; Bilder Maison Martin Margiela

Bei Maison Martin Margiela glaube ich zu erkennen, dass man sich der Klientel, die ja vermutlich noch mehr aus potentiellen Kunden, denn aus der Hautevolee der Couture-Trägerinnen zusammengesetzt sein dürfte, als Couture-Salon vorstellt, bei dem die Wünsche der Kundinnen dann erst auf Bestellung in echte Couture-Modelle umgesetzt werden. Das Gezeigte dient nur als eine Art Leistungsschau und Attraction Getter. Oder genau gesagt: nicht das, was in den Couture-Shows gezeigt wird, soll geordert werden, sondern das, was man mag. Der Selfmademillionär Renzo Rosso macht es Maison Martin Margiela möglich, sich als Couture-Salon zu gerieren.
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Maison Martin Margiela Artisanal SS14; Bilder Maison Martin Margiela

Aber beim Großteil der wohl auf ewig handverlesenen, echten Couture-Salons, wird moderat modernisiert. Darüber wurde gerade anlässlich Raf Simons Kollektion für Dior, bei uns und auch bei Kollegen, heiß diskutiert. Wo kommen wir da hin, wenn Couture wie mit der feinen Nagelhautschere oder einem Couture-Tacker (keine Angst, wird nicht zum Patent angemeldet) in Organza gestanzt daherkommt. Was vielen dann doch die Spur zu revolutionär ist … da werden dann kostbarste Kleider, zu Preisen jenseits der Limousinenklasse, gerne als Gardinen tituliert. Was ich ehrlich gesagt sehr unterhaltsam und Fantasie anregend finde. Auch die Couture hat das recht, sich abseits der stilistischen Treffsicherheit Lagerfelds für Chanel, den künstlerischen Kleidern von Valentino und den Prinzessinnenroben von Elie Saab und Armani Prive (für die asiatische und orientalische Prinzessin gemacht) neu zu erfinden.
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Maison Martin Margiela Artisanal SS14; Bilder Maison Martin Margiela

Man spinnt hier und da herum und spielt mit raren Künstlerdessins, mit den Stoffen bekannter Textilkünstler aus privaten Kollektionen entliehen, so wie bei Maison Martin Margiela. Die Erfindung der Haute-Couture-Gardine, als eine Art Sari getragen, hat man in dieser Schau jedenfalls garantiert miterlebt. Ob man sich da mit der Vermutung zu weit aus dem Fenster lehnt, es könnte auch nur um den Spaß an der Freude des Signor Renzo Rosso gehen, und um das Image seines Textilimperiums, Only The Brave, zu dem Maison Martin Margiela und Viktor&Rolf zählen … wohl eher nicht.
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Maison Martin Margiela Artisanal SS14; Bilder Maison Martin Margiela

Erst unlängst im Feuilleton einer Qualitätszeitung gelesen: es wird für die wirklich schwerreichen Milliardäre immer schwerer, den wahren Luxus zu finden, der für einfache Millionäre unerreichbar bleibt: warum nicht nach der Insel im Indischen Ozean eine Couture-Kollektion finanzieren? Das macht sicher mehr Spaß und bringt die Art Sozialprestige-Zugewinn, der Käufern von massiv Goldenen Frischluftduschen und Bentleys mit Diamanten-besetzten Lenkrädern – wohl verwehrt bleiben dürfte.
Der Vergleich hinkt gewaltig, aber die Herren Arnault und Pinault haben es vorgemacht. High-Fashion und Haute Couture sind Branchen für Investoren, die so etwas wie Spielgeld haben und nicht gleich bei der ersten schwächeren Kollektion finanziell in die Knie gehen. Nur dann kann bei Verpflichtung der richtigen Chief Creative Officers, sich beim Geschäft mit dem Luxus, viel frisch verdientes Geld zu altem gesellen …
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Raf Simons bei der Schau von Maison Martin Margiela Artisanal SS14; Bild: style.com

Mögen die Teile bei MMM so roh und unbearbeitet wirken, dass darauf rein handwerklich nichts so wenig zutreffend ist, wie der Titel „Haute Couture“, die Bewegung, die man mit in Gang gesetzt hat, kommt der ganzen Branche zugute. So wird die Basis für Haute Couture auch verbreitert, weil der reine „Prinzessinenmarkt“ auf Dauer zu stark segmentiert.
Und es steht dennoch ganz sicher nicht zu befürchten, dass (nur zum Beispiel) die Couture-Klassiker Elie Saab, Armani Prive, Valentino, Giambattista Valli und Chanel Couture by Karl Lagerfeld, wegen dieser Bonbon-Ballerina-Kapriolen bei Victor & Rolf, den fransigen Saris bei Maison Martin Margiela und den vielen gleich wirkenden Löchern, die Raf Simons für Dior Couture in seine Organzabahnen schneiden und mit Stickereikanten versehen hat lassen, schon zur Couture Autumn-Winter 2014/15, auch nicht wieder zu erkennen sein könnten. Aber der überaus fabelhafte Monsieur Simons hat auf jeden Fall schon mal bei den Kollegen von MMM in der Frontrow zugeguckt …

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  • monsieur_didier
    25. Januar 2014 at 19:46

    …wenn man Anderssein um des Anderssein wegen zelebriert und dabei übermäßig viel Leigh Bowery zitiert, dann kommt so etwas dabei heraus…

    …kein Wunder, dass die Zuschauer so irritiert und teilweise schockiert aussehen…
    was wohl Martin Margiela dazu sagt bzw. dabei denkt?
    …denn er würde sich ja eh nicht dazu äußern…

  • Daisydora
    28. Januar 2014 at 13:17

    @Monsieur_Didier

    … ja, da geht es wohl genau darum. Und ich würde auch gerne eine Couture-Kollektion aus der Portokasse finanzieren können, so wie Renzo Rosso das kann.

    Und da würde ich mir dann auf der Stelle John Galliano dafür holen!

    Ich wäre da auch gerne eine Maus gewesen, nach der Schau, um mit zu erleben, was die Damen und herren so an Expertisen abgegeben haben 🙂