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Charlotte Roche – die Frau ohne Eigenschaften

Spätestens Sonntagabend will ich im aktuellen Spiegel lesen, was uns gerade um die Ohren fliegt. In Deutschland und der Welt. Diesmal war ich vorgewarnt, da Stern-online schon samstags vermeldete, Charlotte Roche hätte exklusiv mit dem Spiegel über ihr am 10. August erscheinendes – nunmehr bereits erschienenes – zweites Buch „Schoßgebete“ gesprochen.
Dass dem Spiegel dieser Buchlaunch eine teure Cover-Heftflappe und abzüglich Bildanteil zirka dreizehn Spalten Text wert waren, die sich auf nicht weniger als sieben Heftseiten breit machen dürfen, beweist einmal mehr, wie sehr sich heute alle Deutschen Medien als Marketingkarren für TV-Gewächse gerieren.
Auf der Flappe verrät Charlotte „Frauen sind halt total neurotisch“, wobei ich schon Genaueres weiß; sich selbst und den weiblichen Teil ihres Umfelds charakterisiert die Autorin folgendermaßen: „Das mag jetzt frauenfeindlich sein, aber die Frauen, die ich kenne, sind halt neurotisch und machen alle ihre Männer fertig.“

Nun gut, es musste offenbar sein, Charlotte Roche therapiert sich bevorzugt öffentlich, hat die Jahre nach ihrem Erstlingswerk genutzt und einen für sie wesentlichen Ausschnitt ihrer eigenen Biografie, angeblich einen Extrakt aus drei Tagen des Lebens der Romanhauptfigur Elizabeth, auf 284 Seiten gepackt und die Spiegel Redakteure Lothar Gorris und Claudia Voigt wollten wohl ganz genau wissen, was im Inneren der Autorin vorgeht.
Was fragt man eine Frau von 33, die nichts besonderes gelernt hat und über keine außergewöhnlichen Talente verfügt, deren Mitteilungs- und Geltungsbedürfnis aber im Gegenzug – erst recht mit den für mich sehr überschaubaren Attributen verglichen – überproportional ausgeprägt zu sein scheint? Das war mein erster Gedanke.
Ich habe das ganze Interview dann ehrlich dreimal gelesen und fand darin nichts, das mich auch nur in Ansätzen für ihre Person hätte interessieren können. Es blubbert so leer vor sich hin, wenn Charlotte Roche wie ein in die Jahre gekommener, aber immer noch pubertierender Teenager, der sich ein bedeutendes Dasein als geliebte und angesehene, ganz und gar bewunderte, schöne und begehrenswerte, verführerische Frau, durch hingeschriebene Mutproben ertrotzen will. Im Ergebnis ist das neue Buch wie schon sein Vorgänger ein kalkulierter Skandal, den man ganz salopp auch als eine Art überdurchschnittlich gut bezahlter, sexdienstleistungsfreier Prostitution an einer von Buchverlags-Marketingstrategen durchkalkulierten Käufergruppe und Gelegenheits-Leserschaft, bezeichnen könnte.
Aber so weit will ich gar nicht ins Detail gehen, mir geht es darum, begreifbar zu machen, dass hier Frauen von einer Frau für deren Zwecke instrumentalisiert werden sollen. Das scheint Teil der laufenden Therapie zu sein, Machtphantasien in der Form auszuleben, es wieder geschafft zu haben. Charlotte Roche sagt: „Es muss krass sein, sonst entsteht Langeweile.“ Oder „Es ist ein gutes Gefühl, die Seiten voll zu machen, sich zu sagen, boah, bin ich diszipliniert.“ Solche Sätze hätte ich davor eher einer dreizehnjährigen Schulverweigerin im Problemmilieu sozialer Brennpunkte zugeordnet.
Überhaupt sind es die ungewollten Offenbarungseide der Autorin, der für mich etwas schlichte Geist einer öffentlichen Person, die sich vermutlich unendlich für sich und die Begleitgeräusche ihrer Leere begeistern kann, die ich dann doch interessant fände, wenn ich denn Anthropologin geworden wäre …

Wie läuft so eine Megaseller-Maschinerie an?
Hat der Spiegel beim Verlag hier tatsächlich mit den Hufen auf der Fußmatte gescharrt, um dieses Exklusivgespräch unbedingt zu bekommen? Oder läuft das in der Buchverlags-Marketingindustrie für Bücher, die von Menschen gelesen werden müssen, die sonst eher selten lesen so, dass der Verlag beim Spiegel anruft und der den goldenen Knochen dann sofort schnappt? Weiß das wer von euch, liebe Leser, das würde mich sehr interessieren? Das finde ich nämlich irre, gemessen daran, mich nicht daran zu erinnern, wann der Spiegel zuletzt ein echtes Buch über so viele Seiten besprochen hätte, ohne konkret darüber zu reden.
Dass die Schoßgebete der Charlotte Roche erhört werden, steht aber fest. Mit ihren grellen Covern und schrillen Titeln stellen diese Bücher ohne Mühe literarische Neuerscheinung in den Schatten, weil nur die paar Dutzend Creaps, die irgendwas mit Moderation, Comedy oder schlichtweg mit Fernsehen machen, diese gigantische kostenlose PR in Talkshows und Magazinen bekommen. Auf diesem Wege wird die Autorin dem einen oder anderen von euch auf ihrer TV-Promo-Tingeltangel-Tour entgegen lächeln und mal wieder vor sich hin blubbern und kichern, bevor es dann ab September auf große Lesereise durch dreizehn große Städte geht.
Der Verlag Piper verspricht einen weiteren Tabubruch, die Verkaufszahlen sollen schließlich stimmen. „Wer dachte, Feuchtgebiete ist krass, muss sich hierbei richtig anschnallen“, so Charlotte Roche in einem schlicht gestrickten und nichtssagenden Promo-Video, das wir euch hier zeigen …

Natürlich wird sie damit wieder gutes Geld verdienen, mit dem sich ein komfortables Leben führen lässt. Mit dem man sich dann auch alles Unangenehme aus dem Weg klagen kann. Aber die Tragik der gerade noch jungen Frau, der ihre Metamorphose vom VIVA Girlie zur interessanten Frau mit dieser Leere im Inneren trotz aller Verkaufserfolge nicht gelingen will, fliegt mit dem schrillen Vogel, dem jeder auch noch so vulgäre Tabubruch wie feinste Schokolade auf der Zunge zergeht, von Talkshow zu Talkshow, von Leseauftritt zu Leserauftritt und von Nest zu Nest.
Man kann sich selbst nicht aus sich herausschütteln, kann sich nicht von sich selbst trennen und in zehn Jahren ist Charlotte Roche vielleicht nur noch eine sehr wohlhabende aber wenig attraktive, frühzeitig gealterte It-Matrone, die es versäumt hat, sich mal um die Anderen da draußen, den eigenen Kopf und das eigene Herz zu kümmern statt über eines der langweiligsten Themen der Welt zu blubbern.
Welchem modernen Mensch rieselt es dabei wohlig den Rücken runter, dass die Nachbarin sowas tut?: „Wie immer vor dem Sex haben wir beide Heizdecken im Bett eine halbe Stunde vorher angemacht.“
Und ich dachte, schwere Sedativa sind apothekenpflichtig und liegen nicht auf hohen Stapeln in allen Buchhandlungen rum.
Sagt ihr mir bitte, liebe Leser, ob ihr Charlottes Schoßgebete gerade deshalb lest …

Bildmaterial: Vielen Dank an www.klausbunte.de, Spiegel.de, Piper Verlag

  • Schriftstellerin Charlotte Roche mag keine humorlosen Schriftsteller
    11. August 2011 at 11:10

    […] Schamoni Interview ★ MEIER Podcast # 115 ★ Lesung in Mannheim @ Capitol In Blogs gefunden: Horstson » Blog Archiv » Charlotte Roche die Frau ohne EigenschaftenDiesmal war ich vorgewarnt da Sternonline schon samstags vermeldete Charlotte Roche hätte […]

  • siegmarberlin
    11. August 2011 at 11:52

    völlig überschätzte Person, heute auch ein „grosses“ Interview im Zeit-Magazin. Ihre Belanglosigkeit u. hat sie als Mit-Moderatorin bei der “ drei nach neun “ Talkshow bewiesen. Ihre Gespräche dort waren für mich gefilmte Langweile, da sie nie auf einen Gesprächspartner eingangen ist und ja ganz schnell wieder entfernt wurde. Ich persönlich möchte von ihr nicht belästigt werden und weigere mich ihre sogenannten Bücher zu lesen, ganz grosse Promotion war jetzt zum erscheinen des Buches, dassie sich noch schnell in den Medien als magersüchtig u. alkoholkrank geoutet hat.

  • blomquist
    11. August 2011 at 12:22

    Vor einigen Jahren fand ich sie noch erfrischend und unterhaltsam, heute finde ich sie nur noch peinlich und überflüssig.
    Ich denke die Bücher kaufen zum ganz großen Teil Menschen die normalerweise keine Bücher lesen.

  • Daisydora
    11. August 2011 at 12:33

    @siegmarberlin

    Du bringst es auf den Punkt. Das große Interview in Der ZEIT habe ich noch nicht gelesen, finde es aber irre, dass sie dort gelandet ist. Ich habe selten in meinem Leben eine so langweilige Person aufgefasst … das mit der Lancierung ihrer Magersucht und der Alkoholsucht hatte ich eigens nicht thematsisiert, weil das auch so eine Wichtigtuenummer ist und es Menschen gibt, die wirklich krank und süchtig sind und nicht nur unter Synapsenfehlschaltungen leiden …

    @blomquist

    Ich mochte früher diese Geschichte mit Charlotte Roche und Dr. Döpfner vom Springer Verlag; das hatte ich auf Bildblog gelesen … das ist ja nun auch durch…. unglaubwürdiger gehts ja wohl kaum, als Frau Roche, dann lieber ehrliche und echte Prostitution …

  • peter kempe
    11. August 2011 at 15:21

    @siegmarberlin
    du sprichst mir aus der seele und ich kann das nur dreimal unterschreiben was du anmerkst.sie sit auch so reformhaus wild und weichgespült.super siegmar!!

  • Horstson » Blog Archiv » Die Woche auf Horstson
    14. August 2011 at 10:05

    […] Beispiel von Gucci. 6) Natürlich konnten wir auch Charlotte Roche nicht unerwähnt lassen. Allerdings wollen wir ihr Buch nicht lesen… 7) Horst zeigte die Bilder aus der aktuellen Raf Simmons Kampagne die bei den Lesern aber nicht so […]

  • Katjuschka
    22. August 2011 at 10:38

    Danke für diesen Beitrag, den ich voll unterschreiben kann. Zu der Frage, wie das zwischen Buch- und Zeitschriftenverlagen üblicherweise läuft: Normalerweise ist es so, dass die Presseleute der Verlage den zuständigen Redakteuren der Zeitung/Zeitschrift ihre Titel vorstellen (jeweils die wichtigsten eines Programms). Viele der Buchverlags-Presseleute halten natürlich die ganze Zeit Kontakt mit den Kulturredkteuren, kennen sich über Jahre. Je größer und wichtiger ein Buchverlag ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass der Pressemensch einen Termin beim Kulturredakteur bekommt. Böse Zungen munkeln auch immer wieder mal, dass es nicht ganz schlecht ist, wenn der B.-Verlag Anzeigen in dem jeweiligen Medium schaltet … Allerdings kann es im Fall eines erwarteten „Skandalbuchs“ schon sein, dass die Redaktion von sich aus bei der Pressebateilung des Buchverlages anfragt – auf jeden Fall haben es die Leute von der Presseabteilung des Verlags dann vergleichsweise leicht und unanstrengend.

  • Der Monarch
    12. Oktober 2011 at 14:47

    Guten Tag!

    Frau Roche ist ein außergewöhnlich mannigfaltig talentierter Mensch von ungewöhnlich einnehmendem Wesen – was sie in der Vergangenheit schon zu Genüge unter Beweis gestellt hat, zudem reich gesegnet mit den zukömmlichsten und erfrischendsten Eigenschaften, die sich nur irgend denken lassen – sie ist (u.a.): gewitzt, schlagfertig, charmant, anmutig, klug, pfiffig, scharfsinnig

    Werthes Publicum, meine sehr verehrten Damen und Herren, ich fasse mich kurz – Frau Roche ist eine GÖTTIN, eine WAHRE GÖTTIN.

    Aus ebendiesem Grunde habe ich der Göttin jüngst einen Tempel erbaut, welchen Sie hier, just hier: http://charlotte-roche-forum.xobor.de/ finden können – ein hochgastlicher und einladend-heimeliger Ort, ganz und gar dafür geschaffen, um Frau Roche zu huldigen.

    Die Göttin, sie lebe lang und hoch!
    Gelobt sei ihre Klugheit, gepriesen sei ihre Anmut!

    Allen noch einen gemütlichen Abend
    Der Monarch