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School Time Memories … vom Umgang mit dem anders sein

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Bild: © Anne Belanger; via

Manche von uns haben dreizehn davon, ich habe zwölf – und für an Jahrbücher gewöhnte Amerikaner und Kanadier haben die Klassenfotos bis hin zur Graduation eine ganz besondere Bedeutung.
Irgendwann später stöbern Oma und Opa, die Erbtanten oder man selbst in den alten Fotos und alle freuen sich drüber, noch halbwegs zusammen zu bekommen, wer die Kinder auf dem Foto waren, was man mit ihnen während der Schulzeit erlebt hat und vielleicht weiß mancher sogar, was der Eine oder Andere heute so macht. Auf jeden Fall ging es bei Schule und die eigene Klasse auch um Zusammengehörigkeit und eine mehr oder weniger eingeschworene Gemeinschaft, das war noch nie anders.

Auf den heute sieben Jahre alten Miles, der mit seinen Eltern in New Westminster, Kanada, lebt und seit Jahren wegen einer Muskelathrophie an den Rollstuhl gefesselt ist, treffen diese Erwartungen wahrscheinlich auch zu, dass er sich gerne mit einem schönen Foto aus dieser Zeit daran erinnern wollte … wie es damals so war. Eine Behinderung zu haben, bedeutet ja keinesfalls, nicht genau so zu empfinden, wie alle Kinder und menschlichen Lebewesen, in dem Alter und später sowieso.

Leider ist in unseren so genannten modernen Zeiten manchmal das Naheliegendste und Selbstverständlichste für Jungs wie den kleinen Miles im Rollstuhl ohne Hilfe unerreichbar. Schlimm genug, dass bei der Anordnung der Kinder beim Klassenlehrer nichts geklingelt hat … Und so begab es sich, dass ein vollkommen unbetamter Fotograf (Lifetouch) beim Blick durch die Linse auch nichts gesehen hat. Nicht nur nichts mit dem Herzen, sondern auch nichts als Fachmann, der sich über die Komposition zumindest einen flüchtigen Gedanken machen sollte, bevor er auf den Auslöser drückt.

Das traurige Ergebnis ist ein Klassenfoto, auf dem der behinderte Klassenkamerad Miles getrennt vom mobilen großen Rest seiner Klasse, augenfällig ausgegrenzt am Rand des Bildes in seinem Rollstuhl sitzt. Ob das Diskriminierung ist, darüber müssen wir nicht reden. Das ist selbstverständlich Diskriminierung. Und zwar an einem unschuldigen Jungen vollbracht, der es ohnehin seit er 13 Monate alt ist, viel schwerer als andere Kinder seines Alters hat. Es sind für Behinderte unglaublich viele Herausforderungen anzunehmen und zu meistern, was für Menschen im Kindesalter noch einmal mehr einer besondere Härte darstellt.

Dass Miles Eltern der Anblick des Fotos traurig gemacht hat, kann glaube ich jeder von uns nachvollziehen. Man will ja schließlich, dass sein Kind, trotz Behinderung Teil der Gemeinschaft sein kann und seien Schulzeit glücklich erlebt.

Die Realität sieht so aus, dass Menschen mit Behinderung und solche, die irgendwie anders sind, trotz aller Aufgeklärtheit und vor uns her getragenenen Liberalität schlichtweg ausgegrenzt und diskriminiert werden, weil die Dummheit – was der eigentliche Fehler der Evolution sein dürfte – nicht ausstirbt. Leider!

Miles ist ein toller Junge, er lächelt, wie zum Trotz und sieht irgendwie glücklich aus …

Das Unternehmen Lifetouch, deren Fotograf das Foto verantwortet, befindet sich nun in so einer Art Kleinkrieg mit der Mutter des Jungen. Zwar hat man sich kleinlaut zu Wort gemeldet und das Foto als Fehler bezeichnet, versprochen, das Klassenfoto nochmals zu machen. Doch: Nach bekanntwerden der Kritik der Eltern, die das Foto auf ihrer Facebook-Seite hochgeladen hatten, um den Vorfall zu dokumentieren und bekannt zu machen, ließ Lifetouch das Foto wegen der Verletzung der Privatsphäre der Klassenkameraden von der Facebook-Seite entfernen. Miles Mom hat sich das nicht gefallen lassen und lud das Foto nochmals hoch, diesmal mit unkenntlich gemachten Gesichtern der anderen Kinder …

Genau nachzulesen ist der Artikel von Christoph Fröhlich, Stern, hier.

Wie geht es Euch, wenn ihr das Foto seht, liebe LeserInnen und schießt die Kritik über das Ziel hinaus, oder müssten wir an dieser Stelle viel öfter im Alltag eingreifen und Courage zeigen?

  • Lea
    20. Juni 2013 at 18:29

    Ich würde einfach nie auf die Idee kommen, ein Kind im Rollstuhl an den Rand des Bildes abzuschieben… Einfach völlig daneben und asozial.

  • blomquist
    20. Juni 2013 at 22:51

    Ich würde am liebsten kurz eine Runde heulen gehen.
    Wie herz- und gehirnlos Menschen doch sein können.

  • Horst
    20. Juni 2013 at 22:52

    Traurig aber wahr, so wirds dann mal augenscheinlich, wie Menschen mit Behinderung ausgegrenzt werden.
    Guter und wichtiger Artikel, danke dafür!

  • Steff
    21. Juni 2013 at 08:05

    Ihn auf die Bank hiefen finde ich vollkommen überzogen, der Junge sitzt ja nicht im Rollstuhl, nur weil seine Beine nicht mehr können.

    Das eigentliche Problem: Die Bank ist so breit, dass der Rollstuhl nicht ganz an die anderen Kinder heran reicht. Wären alle (aus der Perspektive des Fotographen) nur ein Stück nach rechts gerückt, zu Miles, wäre das alles kein Problem gewesen. Aber irgendein Fetischist von Symmetrie musste die Kinder ja genau in der Mitte positionieren und das arme Kind im Rollstuhl wurde einfach dran gestellt.

  • Monsieur_Didier
    21. Juni 2013 at 09:26

    …das einfachste wäre gewesen, wenn sich alle um den Jungen geschart hätten…
    mit ein ganz klein bisschen nachdenken ist es so einfach…

    …das gilt für die meisten Bereiche des Lebens 😉

  • Siegmar
    21. Juni 2013 at 10:42

    guter Artikel, hilft zum nachdenken bei alltäglichen Situationen im Umgang damit.

    Sonst bin ich ganz bei Monsieur_Didier, Bank weg, locker sich um den Bub geschart und es wäre sicherlich ein schönes Bild geworden. Manchmal ist es gut das es “ Neuland (Internet) “ gibt,damit einfach mehr Aufmerksamkeit da ist.

  • Daisydora
    21. Juni 2013 at 13:00

    @Lea

    Ja, klar, man merkt das ja, dass irgendwas nicht stimmt … selbst dann, wenn man befangen ist, den kleinen jungen aus seinem Rollstuhl zu heben …

    @blomquist

    Das muss man unweigerlich, wenn man den kleinen Miles anguckt …

    @Horst

    An dieser Stelel habe ich Dir zu danken, denn Du hast mir ja den Link geschickt … und ich finde auch, wir haben als Gesellschaft noch viel zu lernen.

    @Steff

    Wahrscheinlich hast Du recht und es ging und Syymetrie oder was auch immer … aber in solchen Dingen ist es besser, über genau zu sein, da man immer ausgrenzt und Gefühle Schwächerer Mitmenschen verletzt.

    @Monsieur_Didier

    Du sagst es: Hätte man in der Mitte der Bank vorne, eine Lücke gelassen, Miles Rollstuhl dahinter gestellt, und sonst alle Kinder und die Lehrerin so platziert, wie im Original, wäre das Bild stimmig. Natürlich hätte man ihn auch auf die Bank setzen können, der Kleine wiegt ja so wenig, den bekomme ich alleine gehoben …

    @Siegmar

    Dankeschön, der Anstoss kam aber von Horst … und sonst stimme ich Monsieur_Didier zu.

    Du hast recht: Einer der Vorteile des Internet ist die Dokumentation und Verbreitung auch solcher Situationen.

    @alle

    Danke, auch im Namen von Horst dafür, dass wir immer wieder mit solchen Themen kommen dürfen, was ja nicht eben dem Modeblog-Tagesgeschäft entspricht. Uns allen aber augenfällig wichtig ist, weil alles mit allem zusammenhängt 🙂

  • Jana H.
    21. Juni 2013 at 14:08

    Alle Eltern hätten was sagen können, das ist ja das Schlimme, das „ich zufrieden bin wenn mein Kind gut drauf ist“. Ich finde es selbsverständlich, das Das Foto noch mal richtig gemacht werden muss.
    Sorry für meine Fehler, Deutsch schreiben ist anstrengend.

  • Daisydora
    21. Juni 2013 at 14:51

    @Jana H.

    Die Eltern haben meines Wissens etwas gesagt und sich auch gewehrt. Beim Fotografieren waren sie nicht dabei. Das wäre ja auch was, stelel ich mir gerade vor ….

    Dein Deutsch ist doch perfekt 🙂