Allgemein

Peter’s Cutting – Belstaff Heritage Jacken mit Kultstatus

BLSTF_2014_7_RGB300
David Beckham; Bild: Belstaff

Mit 16 war eine Jacke mein Objekt der Begierde und die Marke ist heute weltberühmt und begehrt. Dabei war es wohl eher ein Zufall, dass 1981 für den Kultfilm „Diva“ ausgerechnet eine rote englische Jacke ausgewählt wurde, um den Hauptdarsteller damit fast permanent durch die ganze Handlung hindurch einzukleiden …
007-diva-theredlist
„Diva“; Bild: Courtesy of Arthaus Film Edition

„Diva“ war nicht irgendein Film, sondern so etwas wie ein Gesetz, den man sich mehrere Male über Jahre hindurch immer wieder anschaute und der nicht perfekt den damaligen Zeitgeist widerspiegelte. Allein im Hamburger Kino „Broadway“ lief er zehn Jahre. Die Ausstattung des Films hatte Hilton McConnico übernommen und prägte damit unsere Vorstellung von cooler Interieurwelt komplett neu. Es war wie eine Mischung aus „Avant-Memphis-Stil“ und „Urban-Loft-Look“. Nicht nur, dass Lofts eine erstmalige breitere Öffentlichkeit in Europa erfuhren, sondern auch die blaue Welle wurde zum sofortigen Kultobjekt. Überhaupt stachen aus dem Film die Farben, Blau, Rot und Weiß sehr stark heraus. Alles wirkte total neu, cool und begehrenswert. Dimension und Farbigkeit setzten Maßstäbe …
Vielleicht wählte man deshalb für den Hauptdarsteller eine rote Jacke. Aber nicht irgendeine, sondern eine der bis dato unbekannten britischen Marke Belstaff, die im Jahre 1982 natürlich nirgends wo erhältlich war. Ich betrieb eine wahre Fax- und Telefon-Jagd durch halb Europa, aber die Jacke war natürlich in Zeiten vor hochwertigen Versandhäusern für Designermarken nicht aufzutreiben. So blieb sie ein Traum aber ist bis heute unvergessen …
Harry Grosberg, Founder Belstaff
Harry Grosberg, Founder Belstaff; Bild: Belstaff

Das Label der Jacke ist heute weltberühmt und hat sein Stammhaus und Flagship-Store in London. Hinzu kommen die vielen eigenen Shops, ist daneben bei guten Herrenausstattern erhältlich und hat eine so tolle Heritage und Geschichte, dass ich im Nachhinein noch traurig bin, dass Belstaff damals nicht so verbreitet war. Sicherlich liegt es aber auch daran, dass es sich um gute britische Funktionskleidung handelte und Funktionskleidung trug man eben nicht im Alltag, sondern beispielsweise zum Motorradfahren. Aber drehen wir auf Anfang:

Die 1924 von Harry Grosberg in Staffordshire/England gegründete Firma Belstaff beschäftigte sich jeher mit der Entwicklung und Produktion von High-End Motorradbekleidung, welche den damaligen Vorstellungen von Wetter- und Abriebschutz entsprechen sollte. Typisch für die skurrilen Briten – waren sie nicht nur Textil-Produzenten, sondern Tüftler mit ausgeprägtem Erfindungsgeist und Sinn für Chic.
Die unvergessenen Wax-Cotton Jacken aus sogenannter Egyptian Wool waren 100% wasserdicht und brauchen technisch bis zum heutigen Tage bezüglich Atmungsaktivität und Dichtigkeit den Vergleich zu anderen Jacken nicht zu scheuen.
Motorradrennfahrer Legende Sammy Miller bis Che Guevara waren stolze Besitzer der ersten Leder Trialmaster Jacken. 1943 wurden von der „Black Prince Motorcycle Jacket“ über 40.000 Einheiten verkauft. Für damalige Zeiten eine Sensation …

Bis in die 70er Jahre war Belstaff die einzige Firma, die Ihre Jacken und Motorradbekleidung zu 100 % aus Naturfaserstoffen produzierte. Kunstfaser und Ersatzmaterialien eroberten den Markt zunehmend und so entwickelte Belstaff eine der ersten High-Tech-Fasern. Die XL500 war die erste Jacke, die aus „BELFLEX“ Material produziert wurde und die sich später zu einer Legende entwickelte. Das patentierte „BELFLEX“ Material dient übrigens bis zum heutigen Tage als Grundlage vieler Jacken von Belstaff.
Belstaff House_New Bond Street_1
„Belstaff House“, New Bond Street, London; Bild: Belstaff

Was ich nicht ahnte, als mich die rote Jacke Anfang der Achtziger Jahre so faszinierte, das die englische Textilindustrie der Vor-Thatcher-Ära in einer tiefen Krise steckte und auch Belstaff davon betroffen war. 1991 musste das Mutterwerk geschlossen werden. Aber das von einigen Kunden und Textiltechnikern übernommene Belstaff kehrte ab 1993 in eine kleine Fabrikation in Wellingborough/England zurück und der Stern ging erneut auf. Das Sortiment wurde ausgeweitet und die aufkommende „Freizeit-Kleidungs-Welle“ (so hieß das damals) sowie die Entwicklung für Golf-Kleidung gaben neue Impulse. Außerdem begannen die Briten einen internationalen Vertrieb aufzubauen und sich neue Testimonials zu suchen. Ewan McGregor, George Clooney und Brad Pitt wurden in den Jacken gesichtet und besonders die Italiener begannen die chicen Jacken für sich zu entdecken. Italiener haben schon immer eine Affinität zum britischen Stil, den sie dann auch ihre lässigere Weise interpretieren …
2011 kaufte die italienische Labelux-Gruppe Belstaff und eröffneten von Bill Sofield gestaltete Flagship-Stores in Mailand, London und New York. Labelux transformierte die Tradition in die heutige Zeit und erweiterte die Marke zu einem Global Fashion Brand. Aktuell ist David Beckham das Aushängeschild der Marke.

Heute sind die Jacken von Belstaff weit weg von Funktionskleidung, werden aber immer noch durch dieses Know-how geprägt, was ihren fast hundertjährigen Erfolg ausmacht. Für mich gibt es aber nur eine Jacke, die mich prägte und vielleicht kommt sie ja in modernisierter Form eines Tages wieder in einer Kollektion vor, die rote „Diva“ Jacke …

  • thomash
    2. Juni 2014 at 11:08

    Super!! Kempe ist der Jäger des verlorenen Schatzes!
    Wo, wie und was du immer (wieder) entdeckst und dann den Leuten so informativ präsentierst, ist spitze!

  • Siegmar
    2. Juni 2014 at 12:44

    wunderbarer, Artikel, grandioser Film und tolle Jacke, Danke Peter !

  • J
    2. Juni 2014 at 14:03

    Ich hab eine Jacke von denen und kann die Begeisterung gut nachvollziehen

  • vk
    2. Juni 2014 at 14:44

    mensch pedder, watt wird mir warm ums herz. ein bizarr-romantisch collagiertes geschichtchen, post-punk glam und dann mit der ganz grossen puderquaste ein unglaubliches farbdrama hingelegt. und diese verdammten kontraste – postbote und saengerin, die weisse robe, der schmutzige regen, das ewige der kunst, das kurzatmige des getriebenen lebens, wimmernde mofa, wiegender oldtimer, zigarre im schaumbad…
    und ne rote jacke, der ein hamburger jung hartnaeckig auf den fersen ist. wie schoen. die groessten wuenschen bleiben manchmal am besten unerfuellt. sie machen die schoensten geschichten.

  • PeterKempe
    2. Juni 2014 at 14:48

    @vk Merci :-)))
    @alle
    Danke fuer das tolle Feedback

  • Horst
    2. Juni 2014 at 22:12

    Wirklich schöne Story und das Lied bei „Diva“ ist toll 🙂

  • vk
    3. Juni 2014 at 12:21

    gerne, peter. diva war feinste ‚aesthete’s education‘ damals. eine praegung, die einen nicht verlaesst. als wir die welt entdeckten in den fruehen 80ern, als nach den politisierten 60ern und den etwas desilluisioniert ermatteten 70ern alle ideologien ausgedient hatten, als ein unglaubliches militaerisches wettruesten unser leben in europa mit einem eigenartig existentialistischen unterton belegte, da fanden wir den zauber der welt in unschuldigen alltagsgegenstaenden. hoert sich absurd an, aber so war es. da sprach unvermittelt ein mineralwasser zu uns, eine tuerklinke oder eine jacke. und das war keine subjektive spinnerei. das war auch nicht marketing- oder werbunggetrieben. die wussten davon nichts und sprangen erst spaeter auf. das war originaere entdeckungsarbeit und aesthetische vermessung der alltagswelt.
    peters geschichte beruehrt deshalb so, weil sie genau reinfuehrt in diese zeit. die rote jacke war keiner celebrity-brand zuzuordnen, aus keinem internetkatalog abzurufen. sie war reines collageobjekt eines wunderbaren filmausstatters, gefunden irgendwo auf einem flohmarkt oder in den seitenstrassen londons. es lag etwas originaer mystisches in dem entdecken von schaetzen in den bergen unsortierten zivilisationsmuells, der sich angehaeuft hatte ueber die letzten jahrzehnte. es lag etwas mystisches darin, weil man sich ueber die bedeutung dieser schaetze verstaendigen konnte. weil man sie wieder ueber individuelle collagen mit sinn und bedeutung aufladen konnte und weil man sich darueber selbst sinn und bedeutung gab.
    in der soziologie spricht man spaeter dieses gesellschaftsphaenomen beschreibend von der ‚aesthetisierung der alltagswelt‘, die sich natuerlich werbung dann zu nutze machte, sie in neue hoehen trieb, und die marke und brand, wie wir sie heute kennen, erst bedingte.
    diva war ganz am anfang, ein kondensationsmoment, ein tipping-point, der alles zusammenfuegte, und von dem aus es kein zurueck mehr gab.
    wer das offenen auges erlebt hat, hat eine unglaubliche aesthetische sozialisierung genossen. als aesthetische erfahrung auch der banalsten dinge von feinnervig individueller wahrnehmung ploetzlich in ein umfassendes gesellschaftsphaenomen kippte, das uns bis heute praegt.
    diva war der anfang. wer bitte ist dieser laecherliche fussballspieler mit stoppelkinn? und was bitte sollen ‚flagship-stores‘? kinder, auf die gefahr wie ein sentimentaler greis zu klingen, die magie des anfangs, da koennt ihr werbemillionen nach schmeissen wie ihr wollt, die kriegt ihr so nie mehr hin.

  • Siegmar
    3. Juni 2014 at 15:09

    vk

    wunderbarer Text, danke !

  • vk
    3. Juni 2014 at 21:03

    danke dir fuers freundliche feedback.
    hat spasss gemacht.

  • PeterKempe
    4. Juni 2014 at 01:58

    @ vk
    Auch wenn es sich blöd anhört, genau das, was Du beschrieben hast, ist die Prägung meiner Generation und weil kein Marketing dahinter stand und man sich diese Infos erkämpfen musste, weiß man auch noch jedes Detail und funktioniert heute auch noch so ich hab 15000 Chanel Kleider im Kopf und nicht auf dem Laptop … dafür ist die (oh Gott, so was wollte ich nie schreiben) jüngere Generation von anderen Sehgewohnheiten geprägt.
    Ich finde der Austausch und die Mischung macht’s. Das ist ja auch, was wir versuchen bei Horstson widerzuspiegeln.

  • Die Woche auf Horstson | Horstson
    8. Juni 2014 at 12:34

    […] Jacken von “Belstaff”. Für ihn haben sie Kultstatus erreicht. Warum, erfahrt ihr hier. 2) Julian traf Thomas Bentz und Oliver Lühr vom Label “Achtland” zum Interview […]