Allgemein

Giftiger Natursekt: Carsten Höller – Soma

Telefonat mit Mutter in der fernen Heimatstadt. „Ich gehe heute in diese Austellung. Sowas total verrücktes mit Urin und Rentieren.“ Erster Gedanke: Wieso interessiert sich meine Mutter für moderne Kunst? Antwort: Karten von einer Freundin. Zweiter Gedanke: Was zum Teufel ist das? Antwort: Nicht ganz so einfach.
Die seit Anfang November laufende Ausstellung von Carsten Höller im Hamburger Bahnhof in Berlin klingt nach fast jeder Beschreibung von Besuchern die sie angeschaut haben absolut grotesk. Mann muss sich auch hier (wie so oft bei moderner Kunst) mit einer Menge Hintergrundinfos rumschlagen. Zum Glück gibt es mich und Horstson.
Bei „Soma“ handelt es sich um einen mystischen Trank, der seine Konsumenten in einen rauschartigen Zustand versetzte und den Göttern näher brachte. So steht es zumindest in der Rigveda, einer der vier Gründungsschriften der hinduistischen Religionen aus dem zweiten Jahrtausend vor Christus. Ich kürze die ganze Geschichte mal ab und springe ins Jahr 1968 in dem ein amerikanischer Wissenschaftler seine Forschungsergebnisse zum Thema Soma und die Herkunft der berauschenden Wirkung veröffentlichte.

Er kam zu dem Schluss, dass es wohl der berauschende Wirkstoff des Fliegenpilzes sei, der dem geheimnisvollen Getränk die rauschende und halluzinogene Wirkung verleiht. Weiterhin ging er davon aus, dass man bei den sogenannten Somaritualen neben dem Fliegenpilz in rohem Zustand auch den Urin von Personen und Tieren konsumierte, die vorher Fliegenpilze zu sich nahmen. Unter anderem von Rentieren. Soweit, so gut.
Carsten Höller hat sich nun dem Mythos Soma angenommen und ihn künstlerisch in Form einer Installation mit lebenden Tieren umgesetzt. Im Hamburger Bahnhof in Berlin hat er zwei gleichgroße abgesperrte Bereiche eingerichtet. Diese hat er mit Sägespänen ausgelegt. In diesen zwei Bereichen befinden sich jeweils die gleiche Anzahl von Wellensittichen, Fliegen, Mäusen und Rentieren. Die Rentiere bekommen Fliegenpilze verfüttert. Nachdem sie diese aufgenommen haben und über den Urin wider ausgeschieden haben, verfüttern Pfleger diesen Urin an die anderen Tiere. Wer was bekommen hat wird den Besuchern nicht verraten. Es bleibt also eurem Einfühlungsvermögen beim Besuch überlassen, ob es tatsächlich eine berauschende Wirkung bei den Tieren hervorruft und ihr tatsächlich einen Unterschied merkt oder die ganze Somageschichte in euren Augen einfach nur eine Legende ist. Das ganze ist relativ großflächig und beeindruckend aufgebaut und allein schon wegen der Hintergrundgeschichte einen Besuch wert. Und wer weiß: Vielleicht erlebt ihr ja auch ein Tier was den Göttern gerade näherkommt, während ihr im Museum seid.
Und wer sich bis hierhin gefragt hat: Was soll das auf Horstson? Hier die Antwort. Für 1000 Euro könnt ihr eine Nacht im Hamburger Bahnhof in Mitten der Tiere verbringen und euch nachts durch die Ausstellung führen lassen. Also die ebenfalls sehr sehenswerten Werke von Warhol, Koons etc. einfach mal eine ganze Nacht genießen. Schlafen werdet ihr eh nicht können. Frühstück gibt’s aus dem nahegelegenen Sarah Wiener Restaurant und ein Wächter ist nachts auch für euch da.
Wenn das mal kein Grund ist hier mal ein bisschen Kultur reinzubringen, dann weiß ich auch nicht. Wem das zu teuer ist, der kann hier beim Gewinnspiel teilnehmen und eine Nacht im Museum gewinnen:

  • Daisydora
    25. November 2010 at 09:12

    Ganz ohne Zweifel ein toller Bericht nach Daisys Geschmack – well done! 🙂

  • L
    25. November 2010 at 13:57

    Warst Du auch schon da? Aber ist es nicht komisch, wenn Pippi verfüttert wird?

  • Cathr
    25. November 2010 at 15:55

    Was sehe ich da? Ein Gastautor 😉 ? Wen habt ihr abgeworben? Und an den Autoren diess Artikels: Gute Arbeit!