Allgemein

Ballett tanzende Ärzte – Homophob sind immer die Anderen*

homophobie4
Bild: Act Up-Paris

Man sollte meinen, all die Probleme, mit denen sich der relativ reichere Teil der Welt herumzuschlagen hat, zu dem Paris und Moskau zählen, hätten sich selbst bis zu den schlichtesten Geistern im hintersten Winkel der Städte herumgesprochen.
Mitnichten! In einem Land und einer Stadt, die ich seit meiner Kindheit über alles liebe, echauffieren sich selbst wohlhabende Bürger und Großbürger, die sich wahrscheinlich auch noch für das gehobene Bildungsbürgertum Frankreichs halten, gehen auf die Straße, um gegen etwas zu demonstrieren, dass sie streng genommen gar nichts angeht und nicht tangieren sollte: Die Legalisierung homosexueller Verbindungen zwischen zwei Männern und zwei Frauen.
Blue_Man_2012_01
Bild: Blue Man

Wir schreiben das Jahr 2013, in Europa geht es drunter und drüber, Regierungschefs (ganz besonders Angela Merkel!!!) haben zwar für ihre eigenen Karrieren einen guten aber für das Volk keinen Plan und sitzen Probleme einfach aus, Jugendliche und gut ausgebildete junge Erwachsene bekommen keine Jobs, schon gar keine gerecht bezahlten und der bürgerliche Mob in Frankreich hat nichts wichtigeres zu tun, als sein hässlichstes Gesicht zu zeigen.

Ich habe noch nie verstanden, was jemand dagegen haben könnte, wenn zwei Männer oder zwei Frauen in einer Beziehung sind und naturgemäß Sex haben. Man ist ja erstens diskret, hat zweitens eine normale Erziehung genossen und interessiert sich drittens ohnehin nicht für den Sex fremder Leute, wenn man nicht total „Nuts“ ist … also fragt man nicht mal die seltsamsten Menschen auf der Straße, in Unternehmen und im Supermarkt danach, mit wem sie es wie machen. Dachte ich.
homophobia

Wenn in Paris zwischen Madeleine und Arc de Triomphe 300.000 in minutiös orchestrierten Großdemonstrationen gegen gleichgeschlechtliche Ehen demonstrieren, dann erlebt man gegen jede Vernunft und ohne Bezug zur wirtschaftlichen und politischen Mailaise der Franzosen das derzeit heikelste Thema, mit dem sich die französische Politik derzeit beschäftigen muss, als gäbe es nichts wichtigeres. Schließlich kann die Stimmung auch in Demokratien vollkommen kippen und es kommt dann womöglich zu noch mehr Gewalt und Übergriffen gegen Homosexuelle.

Und das sind, wie viele von euch sicher aus allen Medien wissen, keine Hirngespinste. Gewalt gegen Homosexuelle ist wieder an der Tagesordnung. In Russland (Moskau), in Frankreich, ja, auch in Deutschland und anderswo. Insbesondere die hanebüchenen Gesetzesnovellen und Übergriffe in Moskau und Russland gegen Menschen, die ihre Homosexualität offen leben, haben den Berliner Timo Pfaff, einen Make-Up-Artist, der als Drag Queen Barbie Breakout mit eigenem Youtube-Tutorial-Channel und bei Lifeauftritten als DJane im Weekend unterhält, nun dazu gebracht, sich aus Protest dagegen vor der Kamera den Mund mit sechs Stichen zuzunähen.
barbie-breakout-german-drag-queen
Bild: Barbie Breakout; Screenshot Video

Es muss schon um ein sehr wichtiges Herzensanliegen und Humanismus reinsten Wassers gehen, wenn man diese Schmerzen erträgt. Genau geht es Timo Pfaff darum, dass es in Russland nun verboten ist, vor Jugendlichen über Schwule und Lesben zu reden. Das nennt sich dann beschönigend „Schutz der Jugendlichen vor der Darstellungen nicht-traditioneller sexueller Orientierungen“. Was das bringen soll, wissen die Götter. Aber das in Teilen radikal homophobe Russland schreckt vor keiner noch so sinnlosen Maßnahme zurück, die es der Polizei erlaubt, einerseits in Zukunft noch kräftiger zuzulangen, wenn Homosexuelle für ihre – eigentlich ganz selbstverständlichen – Rechte demonstrieren … und andererseits wegzusehen, wenn diese der Gewalt von total durchgeknallten Homophoben ausgesetzt sind. Ich erspare es euch, mit Worten zu beschreiben, was da in dem Protest-Video, das sich auf Youtube verbreitet, genau zu sehen ist. Man braucht starke Nerven und einen guten Medizinermagen, um während des kurzen Teiles der Barbie-Breakaout-Kunstperformance, in dem sie die Stiche setzt, wirklich hinzuschauen!

„Lass dir deine Stimme nicht verbieten! Sag was! Mach den Mund auf!“

Barbie Breakout – Open your Mouth

Dazu sagt Timo Pfaff: Schwule, Lesben und Transen sind Freiwild, seit das Anti-Homo-Gesetz in Russland in kraft ist. Es ist erwiesen, dass schwule Teenager in Fallen gelockt und anschließend von Rechtsradikalen brutal gefoltert werden. Damit noch nicht genug: In Zeiten Sozialer Medien stellen die Täter die Videos mit ihren eigenen Namen und den Namen der Opfer ins Netz und brüsten sich damit. Und das kratzt die russische Polizei nicht im Geringsten.

Timo Pfaff ging es um die Symbolik – darum, eine größere Öffentlichkeit dafür zu gewinnen, nicht (weiter) wegzusehen, dem aufkommenden Schwulenhass entgegen zu wirken und bewusster mit dem Thema Homosexualität auf der Höhe der Zeit umzugehen.
Homophobia (1)

Das erinnert mich daran, wie lapidar der Umgang mit dem vermeintlichen Jugend-Modewort „schwul“ mitunter auch in der heimischen Modeszene und auf Modeblogs ist. Mensch, Jungs und Mädels, wenn ihr wirklich die Coolsten und Besten sein wollt, dann verkauft zuerst mal nicht heiße Luft als Literatur über Mode und Lifestyle – und, gewinnt Freude daran, eure Sprache, Deutsch, so gut zu beherrschen, um die Dinge, die ihr sagen wollt, auch wirklich ohne unpassende Kraftausdrücke und vermeintlich coole Slogans wie: „Die sehen ja irgendwie „schwul aus, sagte …“ ausdrücken zu können. Denn, man könnte euch das irgendwann mal zum unpassendsten Zeitpunkt „vorrechnen“, dann nämlich, wenn ihr euch später mal um richtig gute und gut bezahlte Jobs bewerbt und die Fundstücke im Web verhindern, dass euch die Entscheider (nicht wenige Entscheider sind selbst homosexuell, ihr wisst das nur nicht, „Kinners“) abnehmen, dass ihr wirklich so gut und cool seid. Es geht hier noch nicht mal um meine Überempfindlichkeit in Sachen vulgärer Ausdrucksweise, sondern darum, die eigene Performance rechtzeitig zu pimpen. Der Tipp ist wie immer bei Horstson kostenlos!

Weil es hoch an der Zeit ist, etwas zu tun, hatte Google schon früh Stellung bezogen und zusammen mit der gemeinnützigen Organisation „Tous Unis Pour L’egalité“ die erste virtuelle Schwulenhochzeit der Geschichte organisiert.

Google+ Hangouts – Same sex marriage

Mit Hilfe der von Ogilvy Paris entwickelten Idee, konnte man über das zentrale Feature Goole+ über einen Google-Hangout via digitaler Videokonferenz (bis zu zehn Teilnehmer) mit dem Bürgermeister der belgischen Stadt Marchin verbunden werden, wo gleichgeschlechtliche Ehen schon zuvor legal waren. Es ist ja so lächerlich, heute noch etwas an den Haaren herbei zu ziehen, weshalb Schwule (und Lesben) nicht heiraten können sollten. Kinder groß ziehen und so weiter. Mit denselben Rechten und Pflichten wie Hetero-Paare. Da gibt es kein „zusätzliches Beziehungsproblem“, das nicht bei Heteros schon in gleichem Maße vorzufinden wäre.

Einen sehr guten Artikel aus dem „Freitag“ empfehle ich an dieser Stelle gerne: „Homophob sind immer die anderen …

Stephen Fry calls for ban on Winter Olympics in Russia over anti-gay laws
http://youtu.be/l-gvdzK_VgI

Ob man Englands Vorzeige-Intellektuellen und Aktivist in eigener und fremder Sache, Stephen Fry, folgen sollte und die Olympischen Spiele in Sochi boykottieren, wie er in einem offenen Brief an das IOC und David Cameron forderte, das würde ich spontan mit Nein beantworten. Das trifft ja fast immer die Falschen. Die Sportler, von denen gewiss auch welche homosexuell sind. Und unbedarfte Besucher, die naturgemäß prima damit klarkommen, sich nicht in das Leben anderer Menschen und in deren Sex einzumischen … und die mit großer Ungeduld und Freude darauf warten, dabei zu sein, wenn großer Sport gezeigt wird. Das Problem muss aus meiner Sicht in der politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzung, über das Web, Publikationen, Diskussionen, Demonstrationen und so weiter geklärt werden.

Dann sind da noch die Ballett tanzenden Ärzte, Menschen, tolle und lustige Männer, die ich sehr gut kenne und als meine Freunde aus Wien, San Francisco, New York, Paris, Hamburg und München … (unvollständig!) liebe … naturgemäß sind nicht alle Mediziner und haben manche zwei linke Füße, aber alle sind ganz besondere Menschen, die schon lange und auf immer einen Platz in meinem Herzen und meinem Leben haben werden … wer von euch kennt schon richtig gut Ballett tanzende Ärzte, die mal in der Compagnie Maurice Béjarts Ballett getanzt haben und dann in die Wissenschaft gingen? Dafür nützt es gar nichts, ein Berliner Hipster mit Modelabel oder -blog zu sein, dazu muss man kunstsinnige schwule Männer mit mehr als „drei Gramm Hirn zuviel“ mögen und aus Wien sein 🙂

So viel von mir, immer noch Daisy und nun seid wieder ihr an der Reihe, liebe LeserInnen!

PS: Guckt mal auf die Website von Stephen Fry, gut gemacht und der Header ist super!

You Might Also Like

  • loewenherzblut
    11. August 2013 at 21:00

    Oh liebe Daisy, so ein leidenschaftlich kraftvolles und pointiert formuliertes Statement. Vielen Dank!

    Ich fühle mich wie in einem Albtraum, wenn ich sehen, hören, lesen, erleben muss, wie im 21. Jahrhundert immer noch hasserfüllte Stimmung gegen die Vielfalt des Mensch-Seins ihr antihumanistisches Unwesen treiben kann. Gesellschaft ist kein „melting pot“, in dem letztlich nur ein grauer Klumpen „Irgendwas“ zurück bleibt. Gesellschaft ist/sollte eher eine Salatschüssel (sein). Viele bunte Komponenten, die ein schmackhaftes Miteinander genießen lassen. Sicher, man könnte dem esoterischen Klimbim der Katholischen/Orthodoxen Kirche, die Schuld in ihre viel zu engen Fußfesseln schieben, der sicher seinen Teil zur Meinungsbildung beiträgt. Aber vielleicht ist einfach die bourgeoise Sozialisierung Schuld? Die Fassade des Bürgerlichen – soziohistorisch als fortschrittlich definiert – zeigt ihre fratzenhafte Angst vor dem Anderen!? Vieles greift letztlich ineinander. Tiefenpsychologisch betrachtet, rumort da scheinbar selbst im ach so freiheitlich deklariertem Westeuropa noch ein miefiges Bewusstsein, das auf ideeller Besitzstandswahrung fußt.

    Zum Thema Russland, insbesondere Sotchi 2014, ist inzwischen vieles gesagt, jedoch wenig Zielführendes ers(p)onnen worden. Boykott? Die Spiele nach Vancouver verlagern? Protestnoten schreiben?

    Meine Idee, SportlerInnen sollten während Pressekonferenzen oder Siegerehrungen einfach T-Shirts mit dem Konterfei queerer russischer Persönlichkeiten tragen: Tchaikovsky, Diaghilev, Rachmaninov, Eisenstein, Parnok etc.

    Why can´t we live together!

  • Horst
    12. August 2013 at 10:12

    Wichtiges Thema, insofern schonmal Danke für den Beitrag!

    Für mich ist der Boykott die einzig logische Konsequenz – das hatten wir doch alles schon 1936, als sich Hitler als netter Onkel von nebenan präsentiert hat … Der einzige Unterschied zu heute ist, dass niemand sagen kann, er habe nichts vom Verstoß gegen Menschenrechte mitbekommen.

  • Siegmar
    12. August 2013 at 12:57

    Ein bewegender und leidenschaftlicher Artikel, den ich nur voll und ganz unterstreichen kann und mich dafür bedanke, das Horstson so vehement Stellung nimmt. Mir wird regelrecht übel, wenn ich sehe was in Frankreich und besonders in Russland passiert und das oft unter dem Deckmantel der Religion besonders in Russland. Mich widern Menschen an die ihren schwulen Hass in ekelhaftester Form anonym in Foren ausleben, wo teilweise wieder zum lynchen aufgerufen wird und das mitten in Deutschland. Mich macht es wütend, das Anbieter solche Kommentare nicht entfernen und sich nicht öffentlich davon distanzieren. Loewenherzblut hat vollkommen Recht und ich würde es ganz toll finden, wenn die Teilnehmer in Sotchi seiner Empfehlung folgen würden.

    nach einem schönen Urlaub, wieder im Alltag angekommen 🙂

  • Daisydora
    12. August 2013 at 14:21

    @loewenherzblut

    Auch hier nochmals vielen Dank an Dich … für mich als Privatperson und auch als Schreiberin bei Horstson ist das ganz normal, zu allen gesellschaftlichen und politischen Fehlentwicklungen Stellung zu beziehen. das hat man ja schließlich schon mit 14 gemacht und zum Glück ist Horstson ein Blog, dessen Leser da mitgehen …. Dein Statement-Vorschlag für Sotchi oder Sochi ist super! Genau das sollten sie tun 🙂

    @Horst

    Der Dank geht an Dich zurück, ist ja Horstson, Dein Blog … in Sachen Boykott weiss ich nicht … heute hilft da ja die rasante Verbreitung über das Web und man kann schon wesentlich mehr an Protest, Aufmerksamkeit und Gegenwehr auf die Beine bekommen … 🙂

    @Siegmar

    Zuerst mal herzlich Willkommen zurück aus den Ferien … ich hoffe, Du bist gut erholt 🙂

    Vielen Dank für den wohlwollenden Kommentar, Jeder von uns hat da so seine Menschen und Erinnerungen und manchmal gilt es auch, das Andenken von Menschen mit einem Bericht zu ehren. Und das Thema ist einfach wichtig, weil der Umgang der Gesellschaf(en) mit Diskriminierung und der Gewalt, die daraus entsteht, heute schon wieder ganz fürchterlich ist. Aber Hauptsache, jeder hält sich für cool und tolerant 😉

  • Siegmar
    12. August 2013 at 14:56

    @ Daisydora

    danke, habe holt, tägliche lange Spaziergänge am Strand die mir besonders gut taten. Ich war ja schon lange nicht mehr an der Nordsee und hatte schon fast vergessen wie schon es dort ist.

    Zum Thema hat René Schaller einen Brief an Klaus Wowereit gepostet den ich sehr wichtig finde, Wowereit soll sich einsetzen, da Moskau die Partnerstadt von Berlin ist. Andere Städte haben schon überlegt die Partnerschaft aufzukündigen.

  • Daisydora
    12. August 2013 at 15:05

    @Siegmar

    Gerne …. das hattest Du ja vor und so ein Urlaub bringt es eben …

    Ich war gerade erst dort, finde den Brief sehr gut und auch die anderen Berichte. Über den Schwanensee verbieten musste ich herzlich lachen, weil der so mitten ins Schwarze trifft … Und die Partnerschaft aufkündigen, warum nicht. Die Menschen in Moskau müssen sich auch einsetzen für wahre Demokratie …

  • loewenherzblut
    12. August 2013 at 16:58

    Ich nochmal, und ein Dankeschön für Eure wertschätzenden Worte 🙂

    Da die Qualität der Politik einer Gesellschaft ebenso etwas über deren Kulturniveau aussagt wie die hier ansonsten thematisierten Formen zwischenmenschlicher Kommunikation, freue ich mich, dass Daisy derart verantwortungsvoll die Freiheit der Meinung nutzt und unsere Gedanken und Emotionen entzündet.
    Muss ich jetzt mein Bild von Frankreich als großer und mustergültiger Kulturnation revidieren? Ist Russland trotz all der leidvollen Vergangenheitserfahrungen in sich selbst als Diktatur gefangen? Ich bin ratlos.

    Hier noch ein Artikel, den ich den bislang argumentativ überzeugendsten zum Thema So(t)chi finde:

    http://www.outsports.com/2013/8/6/4592208/ban-russia-winter-olympics-gay-lgbt-boycott

  • Daisydora
    13. August 2013 at 09:30

    @loewenherzblut

    Dein Kommentar ist in dieser Sache für mich das würdige „letzte Wort“ … 🙂

    Anmerkung dazu: wie schon gesagt, wir sind ja als Schreiber so, wie wir als Realpersonen nun mal gestrickt sind, haben uns nicht fürs Web neu erfunden … und der Dank kann ja nur an euch, die Leser, die selbst die längste Bleiwüste aufmerksam lesen, zurück gehen!

    Und Danke auch für den Link!