Beauty Interview

Nachgefragt bei … Alexander Vreeland; Teil zwei des Interviews

Bild: TopasPictures / Heiko Weßling

“Of course, one is born with good taste“ – Wir kennen ihre Ausrufe, ihr charakteristisches Grinsen und Dutzende ihrer Lebensweisheiten. Diana Vreeland gilt nicht umsonst, neben Coco Chanel, als die mächtigste Frau der Modewelt des 20. Jahrhunderts. Die wenigsten unter uns kannten Diana Vreeland persönlich, trotz allem wird ihr Name heute inflationär als Inspirationsquelle genutzt. Ich habe ihren Enkelsohn Alexander Vreeland bei der „Diana Vreeland Parfums“-Vorstellung (juhu, Unisex-Düfte) im APROPOS The Concept Store Hamburg zum Gespräch gebeten und mich ausführlich mit ihm über seine Großmutter unterhalten.

Wofür steht Mode heute?
Mode soll uns zum Träumen einladen. Es gibt großartige Designer, die uns in eine andere Welt entführen oder uns in unserem Alltag beeinflussen. Man muss sich nur einmal anschauen, was Phoebe Philo bei Chloé und Céline geschaffen hat: Sie zieht mit ihren Entwürfen Frauen auf der ganzen Welt in ihren Bann, das ist doch unglaublich inspirierend. Wirklich gute Mode berührt uns, sie begleitet und umhüllt uns in unserem Leben.

Und bewegt sich?
Natürlich, das hoffe ich doch. Mode ist immer und ständig in Bewegung. Das macht es heutzutage so ungemein schwer, allen Kollektionen und Projekten zu folgen. Mich fasziniert diese Schnelllebigkeit trotzdem, dich auch?

Definitiv! Wie würde Ihre Großmutter wohl über den zunehmenden Einfluss von Modebloggern urteilen?
Meiner Großmutter war es bei ihrer Arbeit immens wichtig, ein Feedback zu erhalten. Sie wollte immer wissen, was wie und wo gedacht wurde. (lacht)
Ich denke, dass sie eine Demokratisierung der Mode durch die steigende Relevanz von Modebloggern befürworten würde. Sie war nämlich nicht nur an Rückmeldungen zu ihren eigenen Arbeiten interessiert, sondern kommentiere auch fleißig andere Ideen und Projekte.

Gibt es etwas in der Mode, wovor Ihre Großmutter Angst gehabt haben könnte?
Ich kann höchstens Vermutungen anstellen: Sie war fasziniert von Handwerkskunst und umgab sich ausschließlich mit den aufwändigsten und luxuriösesten Modestücken. Ich bin etwas unschlüssig, wie sie auf die gegenwärtigen Auswüchse von Highstreet-Discountern reagiert hätte. Das wäre mit Sicherheit ein wichtiges Thema, das sie heute beschäftigen würde. 
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Links: Diana Vreeland; Bilder: PR

Mit welchen Gefühlen begegnen Sie dem Vermächtnis Ihrer Großmutter?
Ich fühle eine große Verantwortung. Dieses Gefühl ist unbeschreiblich mächtig und ich versuche Tag für Tag ihrem Schaffen, mit dem sie sich zeitlebens auf dem höchsten Level bewegt hat, gerecht zu werden.

Nehmen wir einmal an, Sie wären nicht mit dem Namen „Vreeland“ auf die Welt gekommen: Wo würden Sie sich heute sehen?
Diese Frage finde ich äußerst spannend und sie erinnert mich an eine Begegnung der vergangenen Jahre: Damals habe ich einen Mann getroffen, der als Unternehmer unfassbare Erfolge verzeichnet hat und bis heute nahtlos daran anschließt. Dieser Mann hatte nie einen College-Abschluss, dafür einen Migrationshintergrund und den Wunsch nach einer Anstellung in einer Postfiliale. Er bewarb sich, absolvierte das Vorstellungsgespräch mit Bravour und scheiterte an den Formalien – ohne Abschluss keine Chance.

Was passierte dann?
Er hatte nichts, musste auf irgendeine Weise Geld verdienen und verkaufte fortan Orangensaft auf der Straße. Kein Scherz, er presste die Orangen selber aus und verkaufte sie. Diese, aus der Not entstandene Geschäftsidee, entwickelte sich zu einem unvorhersehbaren Erfolg und heute ist er der Eigentümer eines riesigen Saftunternehmens. Er verdient Millionen und hat nie das College besucht, ist das nicht unglaublich? Als er mir von seinem Werdegang erzählte, war ich sprachlos. Mich interessierte damals vor allem, ob er sich vorstellen könnte, wie sein Leben wiederum mit einem College-Abschluss aussehen würde. Ich erinnere mich an sein schallendes Lachen, anschließend verwies er auf seine Bewerbung in der Postfiliale.

Klingt drehbuchreif…
Um auf deine eigentliche Frage zurückzukommen: Ich arbeite seit mehr als dreißig Jahren aktiv im Modebereich und ich bin mir durchaus bewusst, dass mir mein berühmter Nachname sicherlich zu dem ein oder anderen Vorstellungsgespräch verholfen hat. Anschließend musste ich mich jedoch, wie jeder andere Mitbewerber, bewähren und hart arbeiten.
Im übertragenen Sinne kann man das wie folgt zusammenfassen: Mein Nachname hat mir Gespräche ermöglicht, anschließend mussten sie jedoch auch erfolgreich geführt werden.

Ihre Tipps für eine Karriere im Modebereich?
Umgebe dich immer mit den besten Leuten! Ich bin der Meinung, dass ein aufstrebender Modejournalist versuchen sollte, die interessantesten Magazine und Publikationen ausfindig zu machen. Versuche einen Kontakt herzustellen, lerne von Grund auf deren Strukturen kennen und bringe hierfür jede Menge Geduld mit. Ich habe das Gefühl, dass die Leute immer ungeduldiger werden, das ist oftmals kontraproduktiv: Schau dir Giorgio Armani an, er hat sein Unternehmen gegründet als er vierzig Jahre alt war. Davor hat er jahrelange als Schaufensterdekorateur gejobbt und erst schrittweise Erfahrungen im Modebereich gesammelt.

Stichwort Geduld…
Heute bekommen viele schon mit Mitte Zwanzig Schweißausbrüche und sehen etwaige Karrierechancen mit jedem weiteren Lebensjahr in die Ferne schwinden. Das ist ziemlich, ziemlich verrückt. Man sollte lieber an sich glauben, Wissen aufsaugen und seinen Träumen folgen.

Teil eins des Interviews findet ihr hier.

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  • Monsieur_Didier
    27. März 2015 at 09:48

    …GROSSARTIG…
    die Fortsetzung eines sehr angenehmen und faszinierenden Gespräches…
    jede Antwort der guten Fragen ist lesenswert…
    ich freue mich, dies gelesen zu haben und finde das ganze Gespräch sehr angenehm und Mut machend…

  • PeterKempe
    27. März 2015 at 10:00

    Umgebe dich immer mit den besten Leuten! Da ist ja wohl nichts hinzuzufügen … Super!

  • Siegmar
    27. März 2015 at 11:46

    wirklich gutes Gespräch und deine Fragen und die Antworten gefallen mir, besonders das er Phoebe Philo erwähnt die eine Extra-Klasse ist und sich mit seiner Großmutter sicherlich sehr gut verstanden hätte.

  • Tim
    27. März 2015 at 15:22

    Angenehmes Interview.
    Ich komme immer noch nicht über die Ähnlichkeit zu seiner Großmutter hinweg 😉