Persönliches

How I Met Karl Lagerfeld

Illustration: Patrick Vollrath

That’s what you missed: Wie ihr ja alle noch wisst, habe ich einen Mantel von Michael Stipe geklaut, um mit Sonia Rykiel und einem toten Bären im Café de Flore ein Sandwich zu essen, das ihren Namen trägt.
Auch wenn es bei meiner dritten Geschichte langsam anfängt, unwahrscheinlich zu klingen, so sind mir doch all diese Begegnungen (und einige andere denkwürdige mehr) wirklich passiert. Von einer weiteren erzähle ich jetzt:
Eines Tages hatte ich Besuch von einem befreundeten Make-up-Designer, der gerade vom Videodreh mit einer bekannten exzentrischen isländischen Sängerin (die ich lustigerweise seit einigen Wochen wieder intensiv höre) kam. Wir redeten über dies und das und er zeigte mir wertvolle Tricks in einer damals neuen Version von Photoshop, wofür ich ihm heute noch dankbar bin, denn sie sind mir immer noch von großem Nutzen für mich, wenn es darum geht, mein Passbild meinem gefühlten Äußeren anzugleichen.

Wir hatten gerade die erste Ausgabe unseres Magazins „FAIRY TALE“ herausgebracht, die wir meinem Lieblingslabel „Best Company“ und ihrem Designer Olmes Carretti gewidmet haben und ich wusste nicht, ob sie schon in den Läden stand. Ich war daher entsprechend aufgeregt.
Wir beschlossen also zu Colette zu gehen und nachzuschauen. Colette war damals einer der wichtigsten Läden und maßgeblich in allen Fragen der Mode und des Lifestyles in der französischen Hauptstadt. Wir gingen durch die Stadt, passierten den wunderbaren Place Vendôme, den ich sehr liebe, und kamen bei Colette an. Wir kämpften uns durch die Schlange am Eingang (ob es wohl heute noch immer so ist?), ließen uns vom Hausparfum durch die Klimanlage berieseln und gingen in den ersten Stock, wo damals die Zeitschriften waren.
Es war 2003 und es war eine Hochzeit für neue Magazine. Zeitschriften wie „Purple“ oder die „Self“ waren schon etwas in die Jahre gekommen und es war einfach eine gute Zeit, etwas Neues zu beginnen. Unser Ziel war es, ein Magazin zu gestalten, das von Designern und nicht von einer gemischten Redaktion gemacht wurde. Ein Magazin, das von der ersten bis zur letzten Seite einen hohen gestalterischen Anspruch hat und nicht durch Werbeseiten durchbrochen wurde.

Wir brauchten nicht lange, um unser Magazin in den Regalen zu entdecken und ich bin fast durchgedreht, als mir das Gesicht meines Lieblingsmodels Robin aus London auf dem Cover entgegenblickte. Der Augenblick, das eigene Magazin in einem Laden zu sehen, ist für mich bis heute ein unbeschreiblicher Moment.
Ich starrte also lange auf das Regal, prüfte (wie es auch SJP in SATC mit ihren Büchern macht), ob das Magazin gut sichtbar platziert war und begann, mich langsam wieder zu beruhigen.
Wir schauten uns noch kurz in der angrenzenden Sneaker-Abteilung um, schielten auf einige CDG-Stücke und waren uns darüber einig, dass, wenn uns die isländische Sängerin nicht einen goldenen Einkaufskorb in die Hand drücken würde, unsere Finanzen eher außerhalb der Colette-Area liegen würden. Vor allem gänzlich außerhalb des ersten Arrondissements.

Wir gingen wieder nach unten und mein Freund meinte, er würde kurz die Toilette aufsuchen. Ich sagte, wie es so meine Art ist, „Ich bleibe hier und warte auf Karl Lagerfeld“. Er ging lachend nach unten Richtung Wasserbar und verschwand in der Toilette.
So stand ich also zwischen den Tischen und Vitrinen im Eingangsbereich, im Nieselfokus des Hausparfums und schaute mir den – na ja – Nippes an, der dort angeboten wurde. Dünne kleine Goldringe von Dior mit Marienkäfern und kleinen Blumen drauf für mehr als 2.000 Euro. Mehr als ich für ein Vierteljahr zum Leben hatte.
Als ich so über das Leben nachdachte… ein kurzes Kreischen, einige spitze Schreie, die Tür ging auf. Herein kam… Karl Lagerfeld.
Der Moment war für mich surreal und ich kam erst wieder in die Realität zurück, als mein Freund von der Toilette zurück kam. Leider sah er Karl Lagerfeld nicht mehr, denn er war einige Sekunden zu spät und Herr Lagerfeld war schon auf der Treppe nach oben verschwunden.
Ich: „Du glaubst nicht, was passiert ist.“
Er: „Was?“
Ich: „Lagerfeld.“
Er lachte, nahm meinen Arm und steuerte Richtung Ausgang.
Ich: „oben.“
Er: “Nein, das hast Du Dir eingebildet. Das Parfum in der Klimanlage hat dir
die Sinne benebelt.“

Ich: „Nein, oben, wir müssen hingehen.“
Nun nahm ich ihn am Arm, zerrte ihn zur Treppe und wir gingen wieder hoch in Richtung der Zeitschriftenabteilung. Kaum oben angekommen sahen wir ihn schon. Und wir sahen ihn beide!

Es war die Zeit, als er seine Diät erfolgreich hinter sich gebracht und wieder die erstaunliche Figur eines 17-Jährigen hatte. Er stand vor einem Spiegel und probierte einen Gürtel an, den er zuvor einer Puppe abgenommen hatte. Er schaute sich von allen Seiten an und war sichtlich zufrieden mit dem, was er sah. Ich war sehr nervös, ging auf ihn zu und sagte: „Das steht Ihnen gut, Sie sollten ihn kaufen“. Er schaute mich verwundert an, sagte: „Sie sprechen deutsch?“, und streckte mir die Hand entgegen.
Ich war perplex. Das hätte ich nicht erwartet. Ich gab ihm die Hand, stellte mich vor und er stellte sich vor. Es erschien mir nicht passend zu sagen „ich weiß!“, als er seinen Namen nannte und nickte dezent. Er fragte mich, was ich mache und ich sagte ihm, dass ich Designer bin. Er war sehr interessiert und fragte, ob man irgendwo etwas von mir sehen könnte.
Das war mein Stichwort und ich antwortete, dass ich gerade hier wäre, weil die erste Ausgabe meiner Zeitung rausgekommen sei. Er war interessiert und wollte das Magazin sehen. Ich deutete ihm, mir zu den Zeitschriften zu folgen. Er warf den Gürtel auf einen Berg mit Waren, die sein Assistent auf dem Armen trug, und folgte mir. Es muss ein seltsamer Anblick gewesen sein. Vorne ich, direkt hinter mir der erschlankte Karl Lagerfeld, gefolgt von seinem Assistenten mit einem Stapel voller „Klamotten“ auf dem Arm. Gefolgt von einer skurrilen Frau, die ständig telefonierte, und zwar auf zwei Telefonen gleichzeitig.

Wir kamen bei den Zeitschriften an. Robin schaute uns noch immer vom Cover her an. Ich nahm ein Exemplar und gab es Karl Lagerfeld. Er war erstaunt, dass das komplette Heft in schwarz/weiß gehalten war. Ich erklärte ihm, es sei das Konzept des Magazins (wir hatten kein Geld für Vierfarbdruck). Er bemerkte, dass wir verschiedene Farbvarianten für die Typografie auf dem Cover hatten. Das gefiel ihm und er erkundigte sich, wie wir das gemacht hätten. Ich erzählte ihm, dass wir tagelang in der Siebdruckwerkstatt standen und auf den Klarlack Pfeffer, Paprikapulver, Kakao, Sand usw. hatten rieseln lassen, um der Typografie eine griffige und immer andersfarbige Form zu verleihen. Als ich ihm sagte, dass wir dadurch über 400 verschiedene Farbtöne erzielen konnten, schien er sichtlich beeindruckt und sagte: „Ich kaufe zwei davon!“
Meine Aufregung war auf dem Höhepunkt. Er sagte zu mir: „Haben sie ein Fax?“ Ich vereinte. Er sagte: „Schreiben Sie mir Ihre Telefonnummer auf, ich melde mich bei Ihnen.“ Jemand reichte mir einen Zettel. Ich muss ehrlich sagen, ich weiß nicht, was ich darauf geschrieben habe. Ich bin mir sicher, es war nicht meine Nummer. Bis heute weiß ich keine meiner Telefonnummern auswendig. Und dann noch in einer Krisensituation.

Als ich wieder nach Hause kam, setzte ich mich neben das Telefon und wartete. Wie ein Teenager, der auf einen Anruf wartet. Die nächsten Tage verließ ich den Raum nicht, um den Anruf nicht zu versäumen. Nach einigen Tagen des Wartens und einem sehr großen Hungergefühl, verließ ich das Zimmer, blieb aber in der Wohnung. Einige Wochen später verließ ich dann auch wieder die Wohnung.

Nun, Karl Lagerfeld hat bis heute nicht angerufen. Vielleicht lag es an der sicher falschen Nummer, die ich aufgeschrieben hatte. Vielleicht hat er unter dieser Nummer neue Freunde gefunden, als er dort angerufen hat oder große Verwunderung hervorgerufen.
Was mir aber nach einiger Zeit viel wichtiger als der Anruf war, war die Gewissheit, dass, selbst wenn keiner in Zukunft unser Magazin kaufen würde, so hatte es doch einen ersten Käufer gehabt, den ich sogar selbst kennengelernt habe… das war Karl Lagerfeld. Und das ist, wie ich finde, kein schlechter Start für ein Magazin.

Dieser Gastbeitrag stammt von Marco Fiedler, einem guten Freund und Leser – dem wir ganz herzlich danken!
Wir suchen übrigens noch weiterhin nach Gastautoren. Wenn auch Du mal Lust hast, einen Artikel auf Horstson zu veröffentlichen (mögliche Themenfelder: Mode, Politik, Kultur, Gesellschaft, Musik, Reise, Blog etc.), melde Dich einfach: horst@horstson.de

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  • JayKay
    6. Juli 2017 at 16:13

    Dies zu lesen ist ein Genuss – rundum herrliche Geschichte.
    Die nebenher humorvoll erzählten Anekdoten begeistern genauso wie die Pointe selbst.
    Vielen Dank.

  • Siegmar
    6. Juli 2017 at 18:33

    Wunderbar, eine schöne Geschichte, schön zu lesen, lässt mich schmunzeln und Zeit einen offenbar sehr sympathischen Lagerfeld.

  • PeterKempe
    6. Juli 2017 at 19:01

    Ach Marco ich liebe nicht nur deine Arbeit, die grandios ist, Fairytale und alle eure Vier5 Projekte ,sondern auch deine wunderbaren Anekdoten und natuerlich Patricks Zeichnungen dazu ! Danke von Herzen ♥️

  • Thomas
    6. Juli 2017 at 19:43

    Oh, Marco! Danke, dass du diesen tollen Moment uns teilst

  • Elke Kempe
    7. Juli 2017 at 08:57

    Köstlich,bitte bitte mehr davon!!