Damenmode

Chanel Ground Control – „Rocket Women“ Chanel Herbst/Winter 2017

(Bild: Olivier Saillant)

Kaum eine Show wird jede Saison so heiß erwartet, wie die Inszenierungen, mit denen Chanel bei jeder Fashion Week in Paris im Grand Palais überrascht. Stets am Dienstag, einen Tag vor Abschluss der Modewoche, kann man die Schau als das Ereignis der Fashion Week bezeichnen. Während die Haute Couture und die Metiers d’Art Kollektionen in wesentlich kleinerem Rahmen gezeigt werden, setzt das Prêt-à-porter immer wieder neue Maßstäbe – mit bis zu 2.800 Gästen.

Bild: Olivier Saillant

Die letzten Tage gehören zur heißesten Phase der Pariser Fashion Week. Ab Sonntag hat man das Gefühl, dass sich die Zahl der Journalisten noch mal verdoppelt. Louis Vuitton zeigte diesmal am Abend nach der Chanel-Schau im Louvre, einem der Sehenswürdigkeiten der Stadt, davon berichten wir aber noch an späterer Stelle bei Horstson ausführlich. Doch zunächst zu Chanel, wo man das Gefühl hat, dass Karl Lagerfeld seine spektakulären Defilees kaum noch toppen kann. Nach Eisberg, Supermarkt oder auch gigantischen N°5 Flakons oder Tweedjacken scheint fast keine Welt mehr frei, das Publikum in eine andere Dimension zu versetzen. Keiner schafft es so wie Karl Lagerfeld, der Fantasie freien Lauf zu lassen und sich trotzdem immer exakt in der Welt von Chanel, deren Markenwerten und der Welt von Gabrielle Chanel zu bewegen.

Bild: Olivier Saillant

Doch was diesmal an Kollektion und Dekor das Auditorium erwartete, sprengte jeden Rahmen und machte auch die kühnsten Kinderträume wahr – eine Reise ins All hat sich noch kein Modehaus gestattet. Beim Betreten des Grand Palais musste man sich zweimal die Augen reiben. Eine 37 Meter hohe Rakete unter der Kuppel des Grand Palais, das übertrifft auch die kühnste Vorstellungskraft. Das Haus, das die Erde „chanelisiert“ hat, bricht jetzt auf, die Planeten und das Sonnensystem mit seinem Stil zu infizieren. Doch das war nicht alles:
Für die Schau hat Chanel das Grand Palais in ein Raumfahrtzentrum, in das „Launchpad N°5“ verwandelt. Komplett mit Raumfahrtzentrum, avantgardistischen Hangars und, wie Karl Lagerfeld später sagte, „inspiriert durch Thomas Pesquet, dem französischen Astronauten, der sich zur Zeit in der Mission Proxima an Bord der ESS im Weltraum befindet.“
In einem Dekor, das die moderne Kollektion perfekt widerspiegelt, luden Karl Lagerfeld und Chanel zu einer Reise zwischen Himmel und Erde ein. Chanels Space-Age-Girls in blasenartigen Vinyl-Modellen, welche an das Oberflächenrelief unerforschter Planeten erinnern – nur eine Facette der über 90 Looks.
Dazu der Sternenhimmel als Inspirationsfirmament: Die 90 Mannequins defilierten in glitzernden Stiefeln, das Haar geschmückt mit mit Kristallen und Perlen bestickten Stirnbändern. Für die Frisuren war Sam McKnight verantwortlich und zitierte die futuristischen Barbarella-Sixties und die Looks von Brigitte Bardot.

Bilder: Courtesy of Chanel

Bilder: Courtesy of Chanel

Unter den Farben der Saison dominieren Schwarz, Weiß, Grau und Silber – durchzogen von einem Hauch Rot, Beige oder Rosa – die von elektrischem Blau oder Violett aufgehellt und von unzähligen Pailletten, irisierenden Garnen, Kristallstickereien, Metallic- oder Perlenpaspeln unterstrichen werden. Glitzernde Stiefel mit „Chanel Kappen“ geben den Space Girls einen festen glamourösen Auftritt. Große, weiche, funkelnde Kissen-Clutches werden sofort zum Objekt der Begierde.

Bilder: Courtesy of Chanel

Bilder: Courtesy of Chanel

Das Tweedkostüm erfindet sich mithilfe eines Trompe-l’Oeil-Effekts neu: Die Ärmel mit den rechteckigen Schultern sehen aus, als lugten sie unter einer Weste hervor. Die grafische und markante Silhouette spielt mit verschiedenen Lagen und kombiniert Röcke, Kleider und Mäntel aus Tweed mit passenden Bermudas. Weite Mäntel oder Cabanjacken ergänzen Umschlaghosen aus Double-Crêpe. Karos, Hahnentritt und mehrfarbiger, urban anmutender Tweed vereinen sich zu einer ganz besonderen Weltraumästhetik mit Halbfingerhandschuhen aus silberfarbenem Leder, gesteppten Stolen in Metallicsilber oder -Rosa, runden Stehkragen an Jacken und Kleidern, die nur darauf zu warten scheinen, dass der Astronautenhelm aufgesetzt wird. Beeindruckend eine Reihe von Looks mit Saturnprints und Silhouetten in Metallicgrünem, irisierendem Leder, die den Chanel-Looks völlig neue Facetten verliehen.

Bilder: Courtesy of Chanel

Bilder: Courtesy of Chanel

Zukünftig auch die monochromen weißen schlichten Looks, an Männern aus der Lagerfeld Entourage, wie Brad Kroenig und Baptiste Giabicioni sowie Models, die mit Double-Face-Mänteln und Caban Jacken, weiten Grobstrick- und Zopfpullovern und einem lässigen Slacklook eine fast puristische Facette der Chanel-Klaviatur anschlugen. Weiß als Zeichen für eine Zukunft, die wie Lagerfeld es in seiner typischen Sprache ausdrückte: „Build the future to your imagination and not to your fears.“
Die Abendgarderobe steht ganz im Zeichen himmlischer Motive: Schwarzer und weißer Mousseline bedruckt mit Astronauten, Planeten und Konstellationen, Drucke von Eklipsen auf Kleidern aus schwarzem Satin und auf Strick. Perlen- und Paillettenstickereien funkeln wie Sterne auf einer Jacke aus nachtblauem Tweed oder auf einem Kleid aus Tüll. Die Tasche „Gabrielle“ kommt in einer Version aus Metallicleder daher, die Tasche „Boy“ glänzt mit einem Motiv aus schimmerndem Ziegenvelours, während die Minaudières die Form von Raketen oder Planeten annehmen.

Bilder: Courtesy of Chanel

Bilder: Courtesy of Chanel

Die „Schallwellen aus dem All“, wie Karl Lagerfeld es nennt, wurden, wie immer in den Schauen von Chanel, von Meister-DJ Michel Gaubert auf das Thema abgestimmt. Der Soundtrack passt zum Thema ‚Space‘ mit „Radioctivity“ und „Ohm sweet Ohm“ von Kraftwerk, „Contact“ von Daft Punk und „Ariane“ von den Honeymoon Killers genauso wie die französische Facette mit Brigitte Bardots „Contact“ abgedeckt war.

Bilder: Courtesy of Chanel

Bilder: Courtesy of Chanel

Das Glanzstück dann allerdings zum furiosen Finale das Karl Lagerfeld, nachdem er die Rakete gemeinsam mit seinem Patensohn Hudson Kroenig umkreist hatte. Per „Commander Button“ startete Lagerfeld den spektakulären Start der Rakete. Etwas, was die Fashion Welt noch nicht gesehen hatte, per Countdown und mit allen Raffinessen der Pyrotechnik schob sich die Rakete scheinbar mit großem Getöse direkt mit Destination All durch das transparente Dach des Grand Palais. Elton Johns „Rocket Man“, wie aus einer Traumsequenz entnommen, begleitete diese Sternstunde der Modegeschichte.

Bild: Olivier Saillant

Sicherlich eine der meist geposteten Eindrücke der Fashion Week auf den Social Media Kanälen und, das sei in eigener Sache hinzugefügt: Der Bericht erscheint nicht zufällig erst eine Woche nach der Schau. Nicht nur die furiose Kollektion, sondern auch der schier unglaubliche Dekor beeindruckten mich so stark, dass ich die Tage darauf völlig paralysiert und gebannt alles in Ruhe einordnen musste, um ein Resümee ziehen zu können; wieder und wieder unter den Klängen von Elton Johns „Rocket Man“ die klare Botschaft für den Leser zu dekodieren.

Karl Lagerfeld hat es geschafft, genau das in einer Zeit zu vermitteln, die nicht unbedingt Mode als erste Priorität setzt, Visionen und das Unglaubliche zu vermitteln, von dem keiner zu träumen wagt und in eine neue Dimension durchzustarten, zu einem Status, den er schon längst bei Chanel erreicht hat: es gibt keine Dimension, den der Stil von Chanel nicht erreicht und dem er nicht gewappnet ist.
„Eternity“ ist das Zauberwort und das kann man am besten dort empfinden, wo Zeit und Raum überhaupt keine Rolle spielen: in den ewigen und endlosen Räumen des Alls und der Sonnensysteme, die erst zu einem kleinen Teil erforscht sind und unendlich groß sind. Chanel Ground Control 2017/18 – Aufbruch in das grenzenlose Chanel-Universum. Und das mit beiden Beinen fest auf der Erde.

Chanel Ground Control – Chanel Herbst/Winter 2017

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  • Horst
    17. März 2017 at 13:19

    Ich hoffe, es gibt Raketenbroschen 🙂

  • PeterKempe
    17. März 2017 at 16:38

    Die gibt es schon in dieser Saison lieber Horst !

  • Horst
    17. März 2017 at 17:06

    Ja, die ist mir leider etwas zu glitzernd 🙁

  • Elke kempe
    18. März 2017 at 10:33

    Ein sehr schöner Bericht.Karl versteht es,die Welt immer wieder zu überraschen u.in Begeisterung zu versetzen .Wunderbar!!

  • Karl
    18. März 2017 at 20:01

    Überraschen ja, aber leider auch nicht schön.